Berlin Coffee Festival 2019: Nachhaltigkeit muss man anfassen können

Teaser: Wer glaubt, dass in Sachen Transparenz und Nachhaltigkeit in der Kaffeewelt schon alles gesagt ist, wurde beim Kaffeemarkt zum Berlin Coffee Festival 2019 eines Besseren belehrt. Denn nach dem Schlagwort folgt die Umsetzung. Wir zeigen euch, was die Kaffeewelt momentan beschäftigt.

Coffee Festival 2019 Plakat

Teaser: Wer glaubt, dass in Sachen Transparenz und Nachhaltigkeit in der Kaffeewelt schon alles gesagt ist, wurde beim Kaffeemarkt zum Berlin Coffee Festival 2019 eines Besseren belehrt. Denn nach dem Schlagwort folgt die Umsetzung. Wir zeigen euch, was die Kaffeewelt momentan beschäftigt.

Auch wenn ein Szene-Event wie das Berlin Coffee Festival sicher keine Stichprobe für den Zustand der gesamten Kaffeewelt ist, so zeigte sich doch beim großen Kaffeemarkt in der Markthalle Neun: Nachhaltigkeit ist längst kein abstraktes Konzept mehr.

Vielmehr sind Röster, Equipment-Hersteller und Initiativen nun darum bemüht, dem Schlagwort Nachhaltigkeit greifbare Aspekte und eigene Ideen zu verpassen. Das kommt beim Publikum offensichtlich an, denn die Schlangen vor dem Eingang und an den Ständen rissen den ganzen Tag nicht ab.

Team Coffeeness hat sich auf dem Kaffeemarkt umgesehen und für euch Ansätze und Produkte gesammelt, wie sich die Wertschöpfungskette Kaffee vom Strauch bis in die Tasse fairer und zukunftsträchtiger gestalten lässt. Und das mit Spaß und Genuss.

Berlin Batch – immer gleich, immer transparent, immer anders

Mit dem „Gemeinschafts-Kaffee” Berlin Batch haben die Organisatoren in diesem Jahr eine ziemlich clevere Überschrift für die Festivalwoche gefunden. Dafür wurde ein direkt gehandelter Kaffee aus Costa Rica von der Don Sabino Micromill gewählt. Dessen Produzenten waren während des gesamten Festivals anwesend und standen Rede und Antwort zu ihrem Produkt und ihrer Arbeit.

Der Kaffee wurde im Rohzustand an zwölf verschiedene Röster weitergegeben, die allesamt Mitglied bei The Pledge sind bzw. in Sachen Transparenz so etwas wie eine Vorbildfunktion haben. Dazu gehören – natürlich – Arno Auer von der Wood Grouse Coffee in Hannover, die Flying Roasters in Berlin oder auch die Rösterei Mókuska aus Stuttgart.

Coffee Festival 2019 Oatley Woodgrouse Colab

Jeder Röster konnte dem Natural-Kaffee seinen eigenen Stil verpassen und den Berlin Batch in seinem Shop anbieten. Wie unterschiedlich ein Kaffee vom selben Farmer (mit Namen, Adresse, Gesicht und klaren Transparenzvorgaben) und vom gleichen Strauch schmecken kann, zeigte sich jedoch am besten beim Kaffeemarkt.

Bei Arno standen Frische und absolute Lässigkeit im Vordergrund, bei Mókuska hatte derselbe Rohkaffee wiederum wesentlich süßere und kompaktere Noten. Allerdings ging es beim Berlin Batch nicht nur um den Geschmack und die rückverfolgbare Herkunft. Sondern auch um die Preisstrukturen für den gesamten Wertschöpfungsprozess.

Coffee Festival 2019 Mokuska Berlin Batch

Wenn ihr den Berlin Batch beispielsweise bei Five Elephant bestellt, seht ihr direkt, wie viel der Farmer für sein Produkt erhalten hat – nämlich rund 230 Prozent mehr als sonst üblich. Stefan von Mókuska musste man nur direkt fragen, und er konnte die Preise und Beschaffungswege all seiner Kaffees aus dem Stand erklären – natürlich auch für den Berlin Batch.

Mit einer solchen Aktion ist zwar noch nichts auf breiter Ebene gewonnen, aber selbst der unbeleckte Besucher auf dem Kaffeemarkt konnte mit diesem greif- und schmeckbaren Beispiel für absolute Transparenz etwas anfangen. Das zeigte sich zumindest am Interesse und den Nachfragen an den unterschiedlichen Ständen, die den Batch ausschenkten.

Die Tasse macht die Nachhaltigkeit

Genauso greifbar war auch das zweite Konzept des Marktes, das wir schon aus dem vergangenen Jahr kennen: Bring your own Cup – oder hole dir eine Pfandtasse von Kaffeeform. Die Kaffeegefäße aus altem Kaffeesatz und Bio-Polymeren gab es dieses Mal sogar mit Festival-Branding.

In nicht einmal einem Jahr ist die Nachfrage nach diesem Upcycling-Einfall förmlich durch die Decke gegangen, wie uns die Macher erzählt haben. Insbesondere beim To-go-Becher sei es momentan schwer, die logistischen Strukturen an das Wachstum anzupassen.

Das ist nicht weiter verwunderlich. Schließlich ist der Pappe-Plastik-Einweg-Kaffeebecher DAS Symbol für unsere Wegwerfgesellschaft. Wer sich heute noch damit auf die Straße traut, muss sich zurecht fragen, ob ihm der Planet wirklich so scheißegal ist. Denn kluge Alternativen gibt es nun wirklich überall.

Eine der klügsten Umsetzungen des Themas stammt von Carina Frings. Die ehemalige Designstudentin aus Köln sollte für eine Ausschreibung einen Mehrwegbecher designen – und hatte keinen Bock auf die tausendste Variante einer bereits etablierten Idee.

Also hat sie einen Weg gefunden, praktisch jede Tasse in einen To-go-Becher zu verwandeln: Ihr Mehrwegdeckel Udo besteht aus recyclingfähigem TPE und lässt sich dank konisch zulaufendem Design dicht abschließend auf jede Gefäßöffnung zwischen 72 und 82 Millimeter pressen.

Coffee Festival 2019 Udo Deckel

Zwar fehlt (noch) eine Trinköffnung, aber das Teil funktioniert ansonsten hervorragend. Udo ist in unterschiedlichen Farben erhältlich und mit rund zehn Euro ziemlich freundlich kalkuliert. Wir sind auf jeden Fall Udo-Fans!

Schiffskaffee und Fairchain – Die Kaffeewelt braucht Symbole

Wir könnten jetzt darüber diskutieren, ob die Ideen von Slokoffie und Moyee Coffee letztendlich funktionieren – oder ob hier der Symbolwert wichtiger ist als alles andere. So oder so werfen beide Initiativen wichtige Fragen auf – und liefern die Antworten gleich mit.

Coffee Festival 2019 Coffee Slokoffie

Slokoffie ist ein junges Projekt für „gesegelten Kaffee“ aus Bremen. Fair und direkt gehandelter Bio-Kaffee wird aus Honduras per Segelschiff nach Deutschland geholt und dann von unterschiedlichen Partnerröstereien weiterverarbeitet. Jede Segelfahrt erzeugt dabei rund 90 Prozent weniger CO2 als die sonst übliche Überfahrt auf dem Containerschiff.

Wer jetzt sofort an Greta und ihre Reise nach New York denkt, liegt goldrichtig. Denn sowohl Slokoffie als auch Greta wollen darauf aufmerksam machen, dass unsere Transport- und Reisegewohnheiten zu den größten Klimakillern überhaupt gehören – und dass es mit ein bisschen Entschleunigung auch anders geht.

Zu den Partnern von Slokoffie gehören bisher vor allem kleinere Unternehmen wie die private Kaffeerösterei Bienert aus einem Mini-Dorf in Brandenburg.

Inhaber Hans-Peter hat beim Segelkaffee-Schnack übrigens erzählt, dass die Nachfrage nach anständigem Kaffee auch in Gegenden weitab des Hauptstadt-Hypes und in Generationen jenseits der Hipster-Kohorte ankommt.

Auf dem Land müsse man vielen Leuten jedoch vorsichtiger beibringen, was guter Kaffee ist. Aber wer einmal angefixt sei, komme immer wieder.

Coffee Festival 2019 Moyee Coffee

Bei den Niederländern von Moyee Coffee geht es nicht um die Transportwege, sondern um die Wertverteilung innerhalb der Kaffeekette. Wird Kaffee aus den Anbauländern roh exportiert und erst im Abnehmerland geröstet, dann gewinnt der Kaffee durch die Verarbeitung auch erst im Abnehmerland seinen eigentlichen Wert.

Oder deutlich gesagt: Selbst bei fairsten Handelsstrukturen macht der Röster den dicksten Reibach.

Moyee will dafür sorgen, dass die eigentlichen Hersteller des Kaffees auch einen Löwenanteil aus den Gesamteinnahmen des Kaffeehandels erhalten – also genauso gleichberechtigt bezahlt werden wie die letztendlichen Abnehmer.

Dafür arbeitet Moyee direkt mit Kooperativen hauptsächlich in Äthiopien zusammen, die den Kaffee anbauen, ernten, direkt rösten und erst dann gen Abnehmerland ohne viele Zwischenhändler exportieren. Und das alles nach hohen sozialen, ökologischen und handwerklichen Maßstäben.

Das Prinzip ist also gleich wie bei Angelique’s Finest, wo der Female Empowerment-Aspekt allerdings stärker im Vordergrund steht.

Moyee ist sich dabei der Tatsache bewusst, dass mit diesem Verschieben der Herstellungsprozesse andere Probleme entstehen. Insbesondere die Frische leidet unter den längeren Transportwegen, weshalb man hier dunkler röstet, als es gerade Trend ist. Hellere Röstungen würden den längeren Transport nicht mit voller Aromenfülle überstehen.

Das wiederum macht es etwas schwieriger, den Kaffee im momentanen Marktumfeld sexy zu platzieren – denn absolute Röstfrische ist nun einmal ein Merkmal handwerklich guten Kaffees.

  • Andererseits dreht Moyee diesen Anspruch einfach um und fragt: Was macht guten Kaffee wirklich aus? Sollte man nicht ein paar Kompromisse eingehen, um die Wertschöpfung insgesamt nachhaltiger zu machen?

Der Single Origin-Äthiopier Filterkaffee von Moyee schmeckte jedenfalls nicht einfach nur nach Kompromiss. Obwohl er offensichtlich dunkler war als der Rest der Bande bei den Nachbarständen, konnte er dennoch mit einer frischen Leichtigkeit überzeugen. Ehrlich gesagt wirkte er insgesamt sogar sauberer als Angelique’s Finest.

Berlin Coffee Festival 2019: Abseits der Bohne

Neben all den Kaffees und der (notwendigen) Nachhaltigkeitskeule präsentierte der Kaffeemarkt beim Berlin Coffee Festival auch neue Ideen an der Bohnen-Peripherie. Da bald Weihnachten ist, war der Markt also die ideale Gelegenheit, um sich nach Geschenken für den Kaffeefan, der schon alles hat, umzusehen.

Wie wäre es zum Beispiel mit Mezcal, der mit Kaffee destilliert wurde? Dangerous Don hat ein ziemlich smoothes und angenehm süßes Gebräu zustande gekriegt, dessen Kaffeearomen sehr subtil funktionieren. Hier wird gerade hart am Vertrieb in Deutschland gearbeitet – in Großbritannien könntet ihr ihn schon bestellen.

Coffee Festival 2019 Coffee Mezcal

Der Shop und das Angebot der Barista Legends ist noch so neu, dass die ersten handelsfähigen Pitcher und Tamping-Zubehörteile erst direkt zum Markttag ausgepackt wurden. Die Firma bestand da erst seit zwei Tagen.

Das wirkt zwar zunächst etwas zusammengestoppelt, aber den Namen solltet ihr euch vielleicht merken. Denn das Unternehmen gehört einem professionellen Latte Artisten, der monatelang am perfekten Milchpitcher getüftelt hat.

Coffee Festival 2019 Barista Legends Pitcher

Coffee Festival 2019 Barista Legends Leveln

Auch wenn wir unsere Fotos etwas verkackt haben: Die Pitcher von Barista Legends sind nicht nur funktionell, sondern auch recht hübsch – und auf Wunsch individuell. Ihr könnt sie in unterschiedlichen Farben und Finishes bestellen und gegen einen kleinen Aufpreis nach Wunsch gravieren lassen. Der Latte-Profi, der sonst schon alles hat, kann dann seinen Pitcher für die Meisterschaft mit Monogramm oder Firmen-Emblem in die Kamera halten. Das Ganze kostet zwar teilweise weit über 80 Euro, aber die Kännchen sollen ja auch lange halten.

Wenn ihr keine Lust auf dicke Investition habt und jemandem eine kleine Freude machen wollt, verschenkt doch einfach einen Metall-Pin im Comandante-Mühlenlook für einen Zehner …

Coffee Festival 2019 Comandante Pin

Wir jedenfalls haben beim Berlin Coffee Festival wieder viele neue Inspirationen gesammelt, von denen wir euch einige demnächst noch einmal genauer vorstellen werden.

Wer von euch war auch da? Was waren eure Highlights, was hat euch zum Nachdenken angeregt? Hinterlasst gerne einen Kommentar!

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