Grüner Kaffee zum abnehmen. Wunderwaffe oder Scharlatanerie?

Veröffentlichungsdatum: 2. September 2016 von 1

Allein schon wie grüner Kaffee derzeit beworben wird, sollte eigentlich stutzig machen. Als Wundermittel gilt er, als Super-Fatburner, als gesunde Gewichtsreduktion. Selbstverständlich alles wissenschaftlich bewiesen und total natürlich. Ach so, und auf Sport oder Ernährungsumstellung kann man auch verzichten. Nebenwirkungen gibt’s anscheinend auch keine.

Ich weiß gar nicht, worauf wir überhaupt noch warten. Ran an die Drogerieregale, rauf auf die Internetseiten und her mit den Pillen aus grünem Kaffee!

Mal im Ernst: Bei diesen angeblichen Abnehmwundern ändern sich einfach nur die Namen, Mittel und Inhaltsstoffe. Die Werbeslogans und Versprechen sind seit Jahr und Tag die gleichen. Nun ist eben grüner Kaffee an der Reihe. Sein hoher Chlorogensäurengehalt ist es, der die Pfunde purzeln lassen soll. Glaubt Ihr nicht? Ich auch nicht. Deshalb habe ich mich mit diesem Diäthype um grünen Kaffee mal etwas genauer auseinandergesetzt.

Was ist dran am Mythos „Grüner Kaffee und Gewichtsabnahme“?

Eine handvoll Fakten, die in den Abnehmversprechen um grünen Kaffee immer wieder auftauchen, stimmen tatsächlich. So zum Beispiel, dass der Chlorogensäurengehalt in grünen Kaffeebohnen doppelt so hoch ist, wie in gerösteten Bohnen. Das liegt schlichtweg daran, dass grüner Kaffee eben Rohkaffee ist. Erst durch das Röstverfahren werden Kaffeebohnen dunkel und verlieren einen Großteil der Chlorogensäure.

Es stimmt ebenfalls, dass es Nachweise gibt, wonach hochdosierte Chlorogensäure die Zucker- und Fettaufnahme reduzieren kann. Allerdings bei Mäusen. Und es ist genauso richtig, dass zwei Universitätsstudien den Abnehmeffekt von grünem Kaffee auch an Menschen getestet und nachgewiesen haben. Ebenso, dass man ihn auch in einem nicht klinischen Versuch erprobt hat.

Aber!

Ich habe mich aber mal mit einigen hochinteressanten Hintergrundinformationen auseinandergesetzt. Dabei hat die Grüne-Kaffee-Diät ganz schnell ihren Glanz verloren.

  1. Nicht nur in Kaffee ist Chlorogensäure. Zwar enthält grüner Kaffee mit Abstand am meisten. Aber Chlorogensäure findet sich auch in Artischocken, Karotten und anderen Gemüsesorten. Können demnach nicht auch eine Artischockendiät oder täglich drei Weißkohlsmoothies beim Abnehmen helfen? In einer 2012 veröffentlichten Untersuchung aus China finden Forscher Hinweise darauf, dass die Chlorogensäure über Eigenschaften verfügt, die gezielt Krebszellen töten könnten. Daraus lässt sich aber auch nicht schließen, dass grüner Kaffee Krebs heilt. Schön wäre es. Aber so einfach funktioniert Biochemie eben nicht.
  2. Andere chinesische Wissenschaftler fanden heraus, dass Mäuse, denen sie hohe Dosen Chlorogensäure verabreichten, „pathologische Veränderungen der Leber und der Bauchspeicheldrüse“ aufwiesen. Im Klartext heißt das, dass zu viel grüner Kaffeeextrakt die armen Tierchen sogar krank machte. Somit heben sich die Ergebnisse der Mäusestudien gegenseitig auf. Was im Endeffekt bedeutet, dass wir keine aussagekräftige Klarheit über die Auswirkung von Chlorogensäure haben.
  3. Die Studien an Menschen unter der Leitung von Dr. Erling Thom in Norwegen und Dr. Joe Vinson an der Scranton-Universität in Pennsylvania sind dagegen beide nicht repräsentativ. Dr. Thom arbeitete mit 12 Teilnehmern, Dr. Vinson mit 16. Je weniger Teilnehmer, desto weniger aussagekräftig die Erkenntnisse. Um das nochmal zu verdeutlichen: Repräsentativ wird eine Studie dann, wenn das Verhältnis zwischen Testpersonen und Zielgruppe zwischen 1:3 und 1:5 beträgt. Im Klartext heißt das, hier haben 16 von 641 Millionen Übergewichtigen weltweit mit Ergänzungsmitteln aus grünem Kaffee ein paar Kilo Gewicht verloren.
  4. Die „amerikanische Versuchsreihe“ verliert noch mehr an Glaubwürdigkeit. Die Amerikaner haben die Studie nämlich anhand von Daten aus Indien verfasst. Mittlerweile haben sie die Veröffentlichung sogar zurückgezogen, weil „die Richtigkeit der Daten“ nicht garantiert werden kann, wie die Washington Post die Versuchsleiter zitiert.
  5. Das nicht klinische Experiment fand in einer US-amerikanischen Fernsehsendung statt. Moderator der Sendung: Dr. Mehmet Öz. Der als Dr. Oz bekannte Amerikaner ist tatsächlich Chirurg, hat also einen medizinischen Background. Allerdings führten seine Zuschauerinnen zusätzlich zur Einnahme der Kaffeekapsel ein Ernährungstagebuch. Eine gängige Strategie in der Ernährungsumstellung. Warum? Weil sie den Abnehmenden vor Augen führt, wie viel sie eigentlich am Tag essen. Nach diesem Schema funktioniert zum Beispiel auch Kalorienzählen. Wir dürfen also davon ausgehen, dass hier eher das bewusste Beobachten der täglichen Nahrungsaufnahme die Abnahme begünstigt hat. Irgendwie sollte doch gerade ein Mediziner wissen, wie Gewichtsabnahme funktioniert.

Wie grüner Kaffee beim Abnehmen helfen soll

Die gängigen Portale bieten grünen Kaffee als Getränk, sowie als Pulver oder Pille an. Der Effekt soll immer der gleiche sein: Gewichtsabnahme von bis zu 20 Kilo in 8 Wochen. Über die Häufigkeit der Einnahme besagter Mittelchen sind die Hersteller sich nicht ganz einig. Zwischen ein und drei Mal pro Tag zu den Mahlzeiten.

So soll die Chlorogensäure ihre volle Wirkung entfalten und unseren Körper daran hindern, die gerade einverleibten Zucker und Fette aufzunehmen. Und wie schafft die Supersäure das? Durch ihre antioxidative Wirkung. Antioxidative Verbindungen hemmen die Bildung unterschiedlicher Enzyme, die in unseren Körpern zum Beispiel fürs Altern zuständig sind.

Kurzum: Antioxidantien schützen unser Biosystem vor zu viel schädlichen Einflüssen. Darunter fallen eben auch zu viel Glucose oder zu viel Fett. Und genau deshalb sagt man der hochdosierten Chlorogensäure aus grünem Kaffee nach, das Unmögliche möglich zu machen: Abnahme ohne Sport und Ernährungsumstellung.

Die Experimente, die ich oben schon erwähnt habe, scheinen diesen Effekt zu bestätigen, Probanden, die gezuckerten Kaffee mit mehr Chlorogensäure getrunken haben, nahmen circa 7% weniger Zucker auf, als die Vergleichsgruppe. Und auch von deutlich gesunkenen Körperfettanteilen (~ 4 Punkte) und BMI-Werten (~ 3 Punkte) ist die Rede.

Deshalb teilen, zitieren und bestätigen alle Verkaufsplattformen für grünen Kaffee diese Studienergebnisse auch. Dass einige der Resultate eventuell manipuliert waren, dass die Teilnehmergruppen viel zu klein und die Dauer der Versuche viel zu kurz angelegt waren, kehren sie allerdings unter den Teppich.

Grüner Kaffee abnehmen

Hilft grüner Kaffee jetzt?

Abnehmen durch Kaffee – das klingt wie der wahr gewordene Traum jedes Kaffeeliebhabers mit ein paar Pfund zu viel auf den Rippen. Und mit einem konkreten JA oder NEIN kann man die Frage nach der Wirksamkeit von grünem Kaffeeextrakt auch nicht beantworten. Tendenziell aber eher Nein. Es sprechen schlicht zu viele Punkte dagegen: Die unterschiedlichen, sich oft sogar widersprechenden Versuchsergebnisse, das aggressive, immer gleiche Marketing.

Kann grüner Kaffee Gewichtsreduktion unterstützen? Das vielleicht schon eher. Aber ohne ein bisschen Hintern-hoch geht’s eben doch nicht. Sport und bewusste Ernährung sind der Schlüssel. Das wird euch jeder Arzt auch so sagen. Wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, eine einschaltquotenstarke Fernsehsendung zu moderieren.

Oder hilft er nicht?

Ist grüner Kaffee vielleicht sogar schädlich? Was soll ich euch sagen?! Es gibt noch keine Langzeitstudie, die das bestätigt oder widerlegt. Und selbst die Laborexperimente liefern ja kein sicheres Ergebnis. Einmal kriegen Mäuse eine Fettleber vom grünen Kaffeeextrakt, ein anderes Mal sinkt ihr Diabetesrisiko.

Wer sich selbst zum Versuchskaninchen machen möchte, bitteschön. Empfehlen würde ich das allerdings nicht. Besonders dann nicht, wenn ihr grünen Kaffee nicht in Pillenform, sondern aufgebrüht zu euch nehmen wollt. Er stinkt und schmeckt extrem sauer. Logisch, bei voller Chlorogensäurendröhnung.

Die andere Sache ist die Chlorogensäure. Auch die verträgt der Magen in der hohen Konzentration nicht. Da bin ich vielleicht irgendwann etwas schlanker, aber hab‘ ein Magenproblem.

Und um Dr. Kurscheid, Allgemeinmediziner, Sportmediziner und Ernährungsmediziner aus Köln, zu zitieren.

 

[YouTube Mit Grünen Kaffee abnehmen? | Dr. Kurscheid in Aktuelle Stunde | 25.09.2013

Also, lieber Finger weg von grünem Kaffee als Abnehmwunder!

  • Copyright Beitragsbild: iStockPhoto.com/Julia_Sudnitskaya.
  • Copyright Bild I: iStockPhoto.com/nensuria.
20 Kommentare
  • Petra
    2 September, 2016

    Hallo, Arne,

    ich habe rumgestöbert; man kann (zerkleinerten) grünen Kaffee auch aufgießen wie Tee. Erhältlich im Doppelkammer-Beutel im Naturladen.
    Der Preis:

    Grundpreis / 100g: € 9,06

    D.h., ein Kilo Rohkaffee Sorte Arabica „zum Abnehmen“ kostet über 90 Euro das Kilo.
    (Jetzt können die Hersteller von (Röst)Kaffee in Kapseln behaupten, ihr Kaffee wäre nachgeschmissen billig.)

    Es ist doch nicht zu fassen …

    LG

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