Mineralwasser & Kaffee? Was der Mineralienrechner für Wasser nicht verrät

Wer Coffeeness aufmerksam folgt, dürfte bemerkt haben, dass mich das Thema Wasser in letzter Zeit heftig umtreibt. Ich habe mir den Brita Filter genauer angeguckt und mich intensiv mit Leitungswasser beschäftigt.

Das wiederum habe ich in viele neue Wasserkocher im Test gekippt und mich obendrein auch noch mit den Vor- und Nachteilen von Wasserkesseln rumgeschlagen.

All dieses Buhei um das bescheidene Nass habe ich deswegen vom Zaun gebrochen, weil Coffeeness ohne Wasser im Grunde sinnlos wäre – schließlich ist es die Grundlage für jeden Kaffee.

Auch euch lässt das Thema nicht kalt und viele schwören darauf, dass für den besten Kaffee nur Mineralwasser in Frage kommt. Nicht nur, weil es den gefürchteten Kalk aus der Leitung nicht mitbringt, sondern auch, weil es durch seine besondere Mineralisierung bzw. seine physikalisch-chemische Zusammensetzung einfach „besser“ sein soll.

Und noch mehr Menschen schwören darauf, dass Mineralwasser die einfachste Möglichkeit ist, um dem Körper wichtige Spurenelemente zuzuführen.

Glaubt man der Werbung, sind wir alle nur deswegen noch nicht an Skorbut und Knochenschwund wegen Mangelerscheinungen gestorben, weil wir uns täglich einen ordentlichen Hub aus der Mineralwasserflasche gönnen.

Spitzfindige Wasserhersteller beweisen diese Werbe-Theorie mit einem sogenannten Mineralienrechner, bei dem immer ein Ergebnis rauskommt: eigene Marke super, andere Marken schlecht.

Doch kaum jemand unter uns weiß, wofür die ganzen Ionen und Elektrolyte überhaupt gut sind, wie viel wir davon tatsächlich täglich brauchen und welche Quellen uns dafür zur Verfügung stehen. Und genau darum will ich mich heute kümmern.

Außerdem schaue ich mir einmal näher an, was Calcium und Co. tatsächlich im Kaffee machen und ob es wirklich die bessere Alternative ist, den Vollautomaten oder den Handfilter mit Mineralwasser zu füttern.

Am Fragezeichen in der Überschrift seht ihr schon – Ich habe dazu meine eigene Meinung. Und ich bleibe dabei: Das Konzept Mineralwasser ist – zumindest in Deutschland – eine der erfolgreichsten Konsumenten-Verarschen überhaupt.

Was ist Mineralwasser?

Damit ein Hersteller „natürliches Mineralwasser“ auf seine Flasche schreiben darf, braucht er eine amtliche Anerkennung und das Nass muss die besonderen Anforderungen der Verordnung über natürliches Mineralwasser, Quellwasser und Tafelwasser (Mineral- und Tafelwasser-Verordnung) erfüllen. Diese Anforderungen sind in Abschnitt 2 aufgeführt:

  • Ursprung in unterirdischen, vor Verunreinigungen geschützten Wasservorkommen
  • von ursprünglicher Reinheit und gekennzeichnet durch seinen Gehalt an Mineralien, Spurenelementen oder sonstigen Bestandteilen
  • Zusammensetzung, Temperatur und übrige wesentliche Merkmale bleiben im Rahmen natürlicher Schwankungen konstant

Im Gegensatz zu Tafelwasser muss der Mineraliengehalt also direkt aus der Quelle kommen und darf nicht zugeführt werden.

Darum könnt ihr Tafelwasser eigentlich immer gleich zurück ins Regal stellen, darf es sich dabei doch auch um Leitungswasser mit extrem wenig Mineralien handeln, auf das ein hübsches Etikett geklebt wurde.

Quellwasser braucht keine amtliche Beurkundung, solange es im gleichen Verfahren wie das Mineralwasser gewonnen wird. Was den Mineralstoffgehalt betrifft, ist es hier aber auch erlaubt, wenn dieser schwankt.

Und der Endgegner im Wasserregal wäre dann das Heilwasser, bei dem die Mineralien noch höher sein müssen – und das eine Zulassung als Arzneimittel benötigt.

Früher gab es zusätzlich die Vorschrift, dass ein Mineralwasser mit mindestens 1.000 mg Mineralien protzen können muss. Diese Vorgabe ist allerdings schon seit fast 30 Jahren passé und heute gelten nur die obigen Punkte.

Theoretisch könnte also auch ein Quellwasser mit konstanter Mini-Menge Mineralien zum Mineralwasser werden. Und genau in diesem Schlupfloch haben sich viele Wasserhersteller breitgemacht.

Denn während Mineralwasser groß auf der Front steht (wegen des Werbeeffekts) dürfen sie vorgeschriebene Angaben wie „Mit sehr geringem Gehalt an Mineralien“ gerne auch auf der Rückseite verstecken.

Dieser Satz wird nötig, wenn das Wasser weniger als 50 (!) mg Mineralien enthält. Mehr zur Etikettierungspflicht verrät das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit.

Laut Datendienst Statista haben die Deutschen – unabhängig von der Marke oder dem Mineraliengehalt – 2016 pro Kopf 148,6 Liter Mineralwasser gelökert. Das ist zwar etwas weniger als 2015, aber die Kurve zeigt dennoch insgesamt immer weiter nach oben.

Die Informationszentrale Deutsches Mineralwasser rechnet für 2016 einen Absatz der Branche von 14,7 Milliarden Liter vor, bei einem Umsatz von rund 3,4 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die deutsche Fruchtsaft-Industrie hat im gleichen Jahr 3,5 Mrd. Euro umgesetzt, wobei Säfte natürlich meist teurer sind als die Wässerchen – und mehr Zutaten benötigen.

Setzen wir der Fairness halber dazu noch einmal den Gesamtverbrauch an Trinkwasser (aus der Leitung) pro Kopf ins Verhältnis. Dieser betrug 2016 rund 123 Liter pro Tag.

Über den Daumen 4 Prozent davon entfallen auf die Ernährung, was insgesamt etwa 4,92 Liter ergibt. Diese Zahl bezieht sich nicht nur aufs Trinken, sondern auch aufs Kochen usw.

Zieht man Kochwasser etc. ab, stehen einem täglichen Trinkgenuss von Leitungswasser von 300 ml ein Tagesverbrauch von grobgeschätzt 400 ml Mineralwasser gegenüber.

Und rein vom finanziellen Standpunkt ist hier schon der erste Einwand gerechtfertigt: Ein Liter Leitungswasser kostet im deutschlandweiten Durchschnitt 0,2 Cent. Ein Liter Mineralwasser kostet wenigstens 10 Cent. Das summiert sich täglich hübsch auf.

Aber hey, dafür kriegen wir auch einen echten Push an lebenswichtigen Mineralien, oder? Denkste, Puppe.

In meinem Artikel zum Thema Leitungswasser habe ich schon aufgeführt, dass zum Beispiel das Berliner Leitungswasser fast genau den gleichen Mineralstoffgehalt hat wie im Mineralienrechner für die Marke Gerolsteiner Naturell festgehalten. Und die kostet durchschnittlich 85 Cent pro Liter.

Der Mineralienrechner unter der Lupe: Welches Element kann was?

Nun wissen wir also, dass Mineralwasser teurer ist als Leitungswasser und im Grunde auch nicht anders zusammengesetzt ist. Es wird Zeit, dass wir herausfinden, warum eigentlich so ein Wind um Natrium-, Sulfat- oder Magnesiumgehalte gemacht wird und warum entsprechende Mineralienrechner eigentlich auch kaum weiterhelfen.

Alle Seiten, die online auf einen Mineralienrechner für Wasser verweisen, leiten euch praktisch immer zum Mineralienrechner von Gerolsteiner weiter. Das ergibt aus Marketingsicht Sinn, schließlich gibt die Marke gern mit einem Gesamtgehalt von 2.479 mg Mineralstoffen an.

Klingt natürlich erst einmal prima. Aber ist das überhaupt notwendig? Gucken wir im Einzelnen hin.

Calcium

Ein erwachsener Mensch braucht laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung rund 1.000 mg Calcium am Tag, was ihn zu einem der wichtigsten Mineralstoff aus Mengensicht macht. Er sorgt für die Aufrechterhaltung aller stabilen und stabilisierenden Strukturen. Also Zähne, Knochen, Zellwände, Blutgerinnung. Richtig interessant: Er hilft auch dabei, dass Reize ans Gehirn gut übermittelt werden.

Ebenso interessant: Schon in einer Scheibe Gouda stecken laut DGE rund 287 mg Calcium, alle anderen Milch- und Milchprodukte kommen direkt dahinter, Emmentaler ist sogar der Calcium-King. Und: Spinat hat einen ähnlich hohen Gehalt pro 200 Gramm-Portion.

Dennoch: Statistisch gesehen nehmen wir pro Tag weniger als 1.000 mg Calcium zu uns, wenn wir nicht darauf achten, was wir essen oder trinken.

Da kämen die 348 mg Calcium aus dem Gerolsteiner natürlich sehr recht. Aber die 108 mg aus dem Liter Berliner Rohrperle liefen in etwa auf das Gleiche hinaus. Schließlich liegt die Durchschnittszufuhr schon bei rund 800 mg pro Tag. Und: Andere Mineralwasser haben hier meist ähnliche Werte wie das Leitungswasser.

Mehr erfahrt ihr im FAQ Calcium der DGE.

Magnesium

Magnesium braucht unser Körper nur zu rund 300 mg am Tag, um alles aufrecht zu erhalten, was mit Körperaktivität zu tun hat: Reizleitung im Nervensystem, Energiestoffwechsel, Muskeln etc.

Richtig viel davon steckt zum Beispiel in Kakaopulver (420 mg pro 100 g) oder Nüssen. Vollkornbrot, Haferflocken und Bohnen liegen in einem Bereich (rund 130 mg), bei dem ihr nicht Gefahr lauft, zu viel Magnesium pro Mahlzeit aufzunehmen.

Unser Freund Gerolsteiner bringt 108 mg pro Liter mit, Kontrahent Selters 10 mg, wogegen der Berliner Wasserkollege 11 mg parat hat. Magnesiummangel ist bei gesundheitlichen Risikogruppen (Schwangere, Ältere, Alkoholiker) ziemlich verbreitet, eine Überdosierung kommt hingegen nur sehr selten vor.

Aber: Wer ganz normal isst und mehr als einmal pro Monat Gemüse, Hülsenfrüchte und sogar Zartbitterschoki aus der Nähe sieht, deckt seinen Tagesbedarf also auch dann locker ab, wenn er einfach noch ein Leitungswasser zum Essen trinkt. Easy peasy und sicher kein Mineralwasser wert!

Kalium

Hiervon benötigt ihr enorme 4.000 mg pro Tag, was Kalium zu einem der wichtigsten Elektrolyte im Körper macht. Elektrolyte sorgen, einfach gesagt, dafür, dass der Körper nicht überhitzt und alles wie geschmiert läuft. Wasser als Träger und Elektrolyte hängen dabei sehr eng zusammen.

Laut DGE ist die allgemeine Versorgung mit Kalium aus der Nahrung allerdings bereits gut gewährleistet, weil einige Mehlarten, Trockenobst, Nüsse, Bananen, Bitterschokolade, Avocado und Tomaten(mark) davon mehr als ausreichend enthalten.

Darum sind die 11 mg aus Gerolsteiner, 10 mg aus Selters oder auch die 5 mg aus dem Berliner Trinkwasser eigentlich nicht mehr nötig.

Natrium und Chlorid

Chlorid ist zwar mit rund 2.300 mg pro Tag überaus wichtig, um etwa den Säure-Basen-Haushalt aufrecht zu erhalten, allerdings steckt hierin eine Crux: Chlorid wird meist als Bestandteil von Natriumchlorid aufgenommen, also von Salz.

Und davon nehmen wir eh schon viel zu viel zu uns. Gleiches gilt also auch für Natrium, wobei hier die empfohlene Menge bei rund 1.500 mg pro Tag liegt. Auch hier ist eindeutig: Wir haben schon genug davon!

Damit ihr mal eine Idee von den Ausmaßen unseres Natriumchlorid-Problems bekommt: Der Durchschnittsdeutsche nimmt rund 3.940 mg Natrium am Tag auf, was somit auch für Chlorid gilt.

Darum ist ein Wasser mit geringem Chloridgehalt genauso wichtig wie ein Wasser mit geringem Natriumgehalt.

Hier schießt sich Gerolsteiner selbst ein wenig ins Bein, denn mit 118 mg Natrium und 40 mg Chlorid liegt die Marke über dem allgemeinen Durchschnitt im Wasserregal.

Selters bringt hingegen nur 8 mg Natrium und kein Chlorid mit, im Berliner Wasser schwimmen 37 mg Natrium und 55 mg Chlorid rum.

Sulfat

Sulfate sind Salze der Schwefelsäure, was erst einmal gefährlich klingt. Ist es auch in zu großen Mengen, weswegen hierfür ein Grenzwert von 250 mg im Trinkwasser gilt. Andererseits schadet ein bisschen Sulfat nicht, weil es gut für die Verdauung ist.

Da liegt das Berliner Wasser mit 112 mg pro Liter locker unter den Grenzwerten, gleiches gilt für Gerolsteiner mit seinen 38 mg. Selters wiederum bringt schon 120 mg mit.

Allerdings: Eine empfohlene Tagesdosis für Sulfate gibt es nicht, weshalb es so oder so ein bisschen hohl ist, mit diesem Gehalt im Mineralienrechner zu werben.

Hydrogencarbonat

Es gab eine Zeit, in der das wichtigste Schlagwort rund um Mineralwasser „natriumarm“ war. Und weil da irgendwann keiner mehr zugehört hat, haben sich die Hersteller was Neues ausgedacht.

Dieses Schlagwort heißt nun Hydrogencarbonat und gilt als neuer Eckfaktor für ein gutes Mineralwasser. Doch der Hype ist in meinen Augen eine absolute Frechheit.

Chemisch gesehen sind Hydrogencarbonate (bzw. deren Ionen) das Salz der Kohlensäure. Mit ihrer Fähigkeit, Ionen aufzunehmen und abzugeben sind sie bestens dafür geeignet, überschüssige Säure zu binden. Ihr kennt das zum Beispiel vom guten alten Bullrich-Salz, wenn ihr mal Sodbrennen o.ä. Habt.

So weit, so prima. Allerdings müssen wir zwei Dinge beachten. Erstens: der Körper kann Hydrogencarbonat auch allein produzieren. Zweitens: Im Sprudelwasser ist das Hydrogencarbonat vorrangig damit beschäftigt, die übersäuernden Eigenschaften der Kohlensäure selbst zu neutralisieren und den Geschmack zu verbessern.

Macht euch das stutzig? Mich auch! Denn so gesehen ist der viel beworbene Stoff im Mineralwasser erst einmal nur dafür da, die Nachteile eines künstlich zugesetzten Stoffes auszugleichen. Und das ist völlig widersinnig.

Wenn man das erst einmal weiß, liest man den Mineralienrechner unseres Spezis Gerolsteiner gleich noch einmal mit ganz anderen Augen:

Denn von den 2.479 mg angepriesenen Mineralien entfallen schon ganze 1.816 mg nur auf diesen Stoff! Das sind mal eben locker über 70 Prozent!

Und von diesen 70 Prozent geht ein großer Teil für die Geschmacksverbesserung drauf (Gerolsteiner sprudelt wie blöde), während der Rest natürlich auch zur Steuerung des Säure-Basen-Gleichgewichts beiträgt.

Dieser Säure-Basen-Haushalt ist aber erst einmal wieder damit beschäftigt, die Nachteile von Kohlensäure auszugleichen, wenn ihr den Krempel trinkt.

Darum ist es vollkommen ausreichend (und sinniger), wenn das (stille) Trinkwasser aus der Berliner Leitung nur 247 mg Hydrogencarbonat mitbringt und etwa beim stillen Volvic sogar nur 71 mg enthalten sind.

Was lernen wir aus diesem kleinen Exkurs durch den Mineralienrechner? Ein paar Dinge, die mir vorher so im Detail kaum klar waren:

  1. Der Mineralstoffgehalt eines durchschnittlichen Wassers aus der Flasche entspricht mal mehr, mal weniger einem durchschnittlichen Leitungswasser.
  2. Den entscheidenden Löwenanteil der Elektrolyte und Bausteine holen wir uns aus der Nahrung, selbst dann, wenn wir nicht immer vorbildlich essen.
  3. Bei gewissen Stoffen macht ein hoch mineralisiertes Wasser die Sache nur noch schlimmer bzw. ist kontraproduktiv.
  4. Wenn euch ein Hersteller was von Mega-Mineralstoffgehalt erzählt, solltet ihr immer hinterfragen, ob da nicht ein bisschen schöngerechnet wurde.

In diesem ganzen Schnelldurchlauf haben wir natürlich ignoriert, dass viele Wasser auch Dinge enthalten könnten, die wir NICHT haben wollen.

Denn die Quellen können ebenso mit Schwermetallen etc. verseucht sein wie das Trinkwasser aus dem Hahn. Auch hier bringt euch die Flasche also wieder keine Vorteile. Mehr dazu noch einmal im Artikel zu Leitungswasser.

Nun müsst ihr euch vor der Schwermetallkonzentration aus keiner Quelle fürchten, doch sind sie nun einmal vorhanden – und zwar genauso in der Flasche wie am Hahn.

Apropos Flasche: Besteht diese aus Kunststoff oder bringt auch nur einen Kunststoffdeckel mit, steigt zudem die Gefahr, dass sich Bestandteile im Wasser lösen.

Aber ist der ganze Mineralstoffgehalt selbst nun eigentlich Blödsinn? Nein, natürlich nicht! Nur entspricht Mineralwasser noch nicht einmal ansatzweise den gesundheitlichen Versprechen, die darauf abgegeben werden.

Und wenn ihr euch normal ernährt, bringen euch „besondere“ Wasser auch keine Vorteile mehr. Denn was der Körper nicht braucht, transportiert er beim nächsten Thronen auf der Schüssel einfach ab. Ihr könntet also genauso gut das Geld fürs Mineralwasser im Klo runterspülen.

Bei Mangelernährung und für Risikogruppen sieht das vielleicht in mancher Hinsicht anders aus. Aber auch hier macht euch der Schluck Mineralwasser nicht zwingend gesünder, als wenn ihr Leitungswasser trinkt. Hauptsache, ihr trinkt.

Kommen wir kurz noch einmal zurück auf den Preis, dann ist es besonders interessant, dass die teuersten Wässerchen meist die geringste Mineralisierung aufweisen. Hier zahlt ihr nur dafür, dass die Quelle irgendwo in Italien, Frankreich oder – ganz schlimm – Fidji sprudelt.

Mineralien und der Geschmack von Kaffee

Nachdem wir nun wissen, dass Mega-Mineralien-Wässerchen aus ernährungsphysiologischer Sicht Humbug sind, widmen wir uns kurz dem zweiten Aspekt, der euch wichtig ist: dem Geschmack von Mineralwasser als Kaffeewasser.

Tatsache ist, dass jedes Mineral bzw. Elektrolyt in irgendeiner Form einen Eigengeschmack mitbringt. Calcium etwa hat einen bitteren, etwas sauren Geschmack, wie uns dieser Artikel von Spektrum erklärt.

Es wundert daher nicht, dass die Stiftung Warentest dem Calcium-Muskelprotz Gerolsteiner Medium genau diesen Geschmackseinschlag attestiert. Magnesium hat ebenso eine bittere Note und bringt eine gewisse Würze mit. Natrium und sein Kumpel Chlorid schmecken, na klar, salzig.

Je nach Mineralisierung entstehen extrem unterschiedliche Wasser, was den Beruf des Wasser-Sommeliers gar nicht mehr so unerklärlich macht. Am extremsten ist dies in meinen Augen bei sprudelnden Produkten, aber auch die stillen Varianten kann man unterscheiden.

Wie ich schon oft erwähnt habe, vertraue ich auf die Reinheit von Wasser aus der Leitung und helfe gegen den wirklich präsenten Kalk mit seinem ebenso präsenten Geschmack nach recht saurer Kreide mit einem Brita Filter nach.

Vielen geht das jedoch nicht weit genug und es gibt im Netz mehr als eine Grundsatzdiskussion, welches stille Mineralwasser die beste – weil sanfteste und neutralste – Lösung für Handfilter oder andere Zubereitungsmethoden ist.

Dahinter steht die richtige Erkenntnis, dass ein gewisser Anteil an Mineralien im Wasser, egal ob aus Leitung oder Flasche, unumgänglich für den perfekten Kaffeegenuss ist. Quasi das Salz in der Suppe. Aber auch hier kann aus einer vernünftigen Menge schnell ein Zuviel werden.

Ganz wichtig ist, dass das Wasser einen nicht zu sauren pH-Wert hat, was bei den meisten Wässerchen aus der Flasche schnell mal passieren kann. Natürlich sind stille Versionen hier im Vorteil und sowieso die einzig sinnvolle Wahl für Kaffee.

2008 hat die Stiftung Warentest Mineralwasser auch auf ihren pH-Wert hin untersucht und damals für viele Medium-Varianten einen eindeutig sauren Einschlag unter pH 6 – also jenseits des neutralen 7er-Wertes – festgehalten. Seitdem kümmert sich das Testinstitut in regelmäßigen Abständen um das Nass aus der Flasche.

Ein Wert um die 7 wäre für Kaffeewasser ideal, eine Abweichung ins Saure bis 6,5 ist ebenso annehmbar. Da muss das Berliner Leitungswasser mit seinem pH-Wert um die 3 natürlich leider passen. Allerdings nicht mehr, wenn wie bei mir ein Brita Filter oder eine verwandte Technik ins Spiel kommt.

Zugegeben, zum Beispiel das stille Wasser von Volvic ist von Anfang an besser unterwegs, ist es doch nicht nur absolut pH neutral, sondern mit seinen insgesamt 130 mg Mineralien auch noch so mineralienarm, dass der Eigengeschmack des Wassers praktisch nicht vorhanden ist.

Darum wird diese Marke auch immer wieder von Kaffee-Fans genannt, geht es um die Frage Leitung oder Flasche. Zum Vergleich: Angeber Gerolsteiner ist mit seiner Naturell-Variante und 885 mg Mineralien bei einem pH-Wert von 6,9 schon wesentlich schlechter aufgestellt.

Allerdings ist Volvic insgesamt wieder zu weich, was mit der Wasserhärte (also dem Kalkgehalt) zu tun hat, die ich im Artikel zu Wasserkochern noch einmal ausführlich behandle. So gesehen ist Kalk doch wieder eine gute Sache, die wir im Kaffee durchaus haben wollten.

Das Ende vom Lied: Es gibt ellenlange Threads, welches Mineralwasser in welcher Gegend mit welchem Leitungswasser in welchem Verhältnis gemischt werden sollte. Puh, wat anstrengend.

Wer sich in Kaffeehinsicht schlau machen will, ob sein Mineralwasser der Wahl überhaupt eine sinnvolle Idee ist, kann ebenfalls bei Gerolsteiner spicken. Die sind nämlich so freigiebig und stellen Kunden eine Vergleichsdatenbank mit mehr als 1.000 Wässerchen zur Verfügung. Und natürlich ist keins besser als der Gerolsteiner-Heimspieler. Von wegen.

Nochmal kurz zurück zu Volvic. Während ich durchaus mitgehe, dass dieses Wasser in Sachen Neutralität bzw. Unterstützung des Kaffeearomas ziemlich gut unterwegs ist, möchte ich ein paar Gegenargumente anführen:

  1. 1 Liter kostet im Durchschnitt 60 Cent bei einer Flaschengröße von 1,5 Liter.
  2. Jede Flasche muss aus Frankreich rangekarrt werden.
  3. Und jede Flasche muss zu euch nach Hause/ins Büro/ in die Kaffeebar gekarrt werden.
  4. Ach ja, die Flasche besteht natürlich aus Kunststoff. Ist klar.
  5. Das Wasser ist nicht nur mineralstoff-, sondern auch sauerstoffarm, weil es vorher ewig in der geschlossenen Flasche rumsteht.
  6. Ist die Flasche leer, muss der Entsorgungskreislauf in Gang gesetzt werden.

Jeder einzelne dieser grob zusammengefassten Schritte ist ein Verbrechen an der Wirtschaftlichkeit, eine Katastrophe für die Umwelt und rechtfertigt in keiner Hinsicht die paar Mini-Vorteile, die ihr dadurch gewinnt!

Zumal das Wasser, solange es nicht vollkommen in Schieflage ist, erst hinter anderen Aromafaktoren wie guten Bohnen und dem frischen Mahlen kommt. Ich könnte darüber jetzt noch lang und breit predigen, aber ich denke, wir sind uns einig:

Lasst euch nicht vom Mineralwasser verkaspern!

Es gibt nichts, aber auch wirklich nichts, was die Existenz von Mineralwassern in deutschen Supermarktregalen rechtfertigt. Während wir Kunden wie die Schafe an den Mythos der Mineralisierung glauben, kriegen sich die Hersteller vor Lachen vermutlich nicht mehr ein.

Solange ihr einen Weg findet, um Kalk im Wasser möglichst großräumig aus dem Weg zu gehen, seid ihr bei Leitungswasser immer an der besseren Adresse. Und ich bleibe dabei: Das gilt auch und insbesondere für den Kaffee!

Das an sich sinnlos rausgeschmissene Geld für Flaschenwasser stecke ich lieber in gutes Equipment und noch mehr in gute Kaffeebohnen und sorge mit einer umsichtigen Zubereitung dafür, dass ich dem Kaffee gerecht werde.

Ich freue mich wieder darauf, wenn ihr mir rege eure Meinung und Ergänzungen mitteilt – hier in der Kommentarspalte oder gerne auch bei Facebook oder Instagram. Prost!

10 Kommentare
  • Konstantin Rathmann
    8 März, 2018

    Hallo Arne,

    danke für diesen sehr infomativen Artikel.

    Im Absatz über den ph-Wert ist dir allerdings ein Fehler unterlaufen. Der ph-Wert für Berliner Trinkwasser wird von den Berliner Wasserbetrieben mit 7,30 – 7,80 angegeben. Was also in den gering alkalischen Bereich geht.

    Lieben Gruß aus Berlin

    Konstantin Rathmann

  • Bernd
    17 März, 2018

    Ist schon merkwürdig, dass es die Menschheit überhaupt überlebt hat, “überlebensnotwendiges” Mineralwasser in Flaschen gibt es ja erst seit kurzer Zeit.
    Tatsache ist vielmehr, das der Mensch sich in seiner Geschichte hauptsächlich von Oberflächenwasser ernährt hat. Das ist Regenwasser und enthält überhaupt keine Mineralien, wenn dann in kollodialer Form.
    Das ist ja nun der neuste Trend in Silicon Valley: Raw Water : also eigentlich Pfützenwasser. Hat also eine Berechtigung.

    Es ist sehr fraglich, ob der Körper die in Mineralwasser gelösten Mineralien überhaupt aufnimmt. Nach meinem Wissen eher nicht. Für die Mineralversorgung des Körpers ist eher das osmotische Zell-Wasser verantwortlich, was Teil von frischem Gemüse ist. Hier sind die Mineralien anders gelöst und werden vom Körper verstofflicht.

  • Arne
    17 März, 2018

    Danke für den tollen und fachkundigen Kommentar!

  • joah
    28 März, 2018

    Guter, ausführlicher Beitrag: definiv Danke dafür.

    Eine Sache ist gesamtheitlich dennoch meiner Meinung nach untergegangen: chemische Verunreinigung. Es geht mir somit um Chemikalien als wie auch Pharmazeutika, welche in immer gehäufterer Konzentration tendenziell in der “Rohrperle” (Leitungswasser) vorkommen: somit vielleicht weniger geschmacksbeeinflussend, dennoch ist das Mineralwasser wahrscheinlich gesünder. Klärwerke sind meines Wissen nach ebenfalls dagegen größtenteils machtlos.

    Jetzt kann man natürlich urteilen das der Verursacher – wenn schon selbst herbeigeführt – so auch bitte “seine eigene Medizin” (sprichwörtlich!) schmecken solle, aber ideologische Ziele will ich hier mal außen vor lassen.

    kurzum: es geht eventuell nicht nur um den Geschmack, auch um Gesundheit

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