Chai Latte: Lecker oder Luftnummer?

Ich habe eine Theorie: Wir alle gehen nur deswegen so auf Chai Latte ab, weil wir uns heimlich nach einem Ersatz für Kaba oder Nesquick sehnen. Denn weil wir uns zu erwachsen für heißen Kakao auf Basis von Zuckerpulver halten, rühren wir jetzt eben hippes Teepulver (oft ebenfalls mit Zucker) in die Milch.

Aber Halt! Wenn ihr jetzt ruft: Arne, Chai Latte Pulver aus der Dose ist kein Chai!, habt ihr damit vollkommen recht. Denn eigentlich bezeichnet der Name nichts weiter als einen kräftigen Gewürztee, der frisch aufgebrüht und anschließend mit etwas Milch verfeinert wird. Und noch eigentlicher heißt „Chai“ einfach nur Tee.

Sind also alle Chai Latte Fans, die sich die Dosen kaufen, nichts weiter als ignorante Kulturbanausen? Mag sein, aber dann gehöre ich manchmal auch dazu. Es kommt jedoch in meinen Augen darauf an, welche Sorte ihr kauft bzw. was die Kaffeebar euch anbietet – denn etwa zwischen David Rio und Krüger bestehen himmelweite Unterschiede.

Chai mit schwarzem Tee

Welche das sind und wie ihr einen echten Chai machen könnt(et), an dem wirklich keiner etwas auszusetzen hat, erfahrt ihr hier.

Chai Latte: Im Grunde ist das doppelt gemoppelt. Eine kurze Begriffseinführung

Was haben Russen, Äthiopier, Inder, Bewohner der arabischen Staaten, Griechen und Chinesen gemeinsam? Wenn sie uns auf einen Chai einladen, gibt es Tee. Ohne Firlefanz und ganz traditionell. Soviel zum Thema Völkerverständigung – bei Tee funktioniert die schon einmal.

Kleines Aber: Wenn uns Inder auf einen Chai einladen, meinen sie damit einen Masala Chai. Und diese Mischung aus Schwarztee, Gewürzen, Milch und Zucker ist im Grunde das, was unsere westlichen Ohren darunter verstehen.

Und wer lädt uns auf einen traditionellen Chai Latte ein? Eigentlich keiner. Denn das Latte-Anhängsel ist eine Erfindung hipper Kaffeebars, die vermutlich irgendwie klar machen wollten, dass es hier etwas Außergewöhnliches gibt, das jedoch ganz nah am bekannten Latte Macchiato ist.

Was der Bauer nicht kennt, frisst er nun einmal nicht, wie die Friesen sagen, und deshalb brauchte es einen coolen Namen, um den Chai-Trend loszutreten. Wie hervorragend das funktioniert hat, sehen wir schon daran, dass jeder Krethi und Plethi unter den Getränkepulver-Herstellern heute mit einem eigenen „Chai Latte“-Angebot um die Ecke kommt.

Chai Latte Zubereitung

Das Grundrezept für Chai (Latte)

Wer keine Lust auf Pulver-Rührerei hat, kann einen ordentlichen Chai (Latte) auch problemlos selber machen. Die Grundlage dafür ist ein kräftiger Schwarztee. Wenn „Assam“ auf der Packung steht, seid ihr schon einmal in der richtigen Ecke, denn diese Sorte hat Wumms. Auch „Ceylon“ ist ein guter Kompass.

Wie bei Kaffeebohnen oder Espresso gilt auch hier: Kauft euch hochwertige Zutaten und brüht den Tee in der richtigen Temperatur mit frischem Wasser aus dem Wasserkocher auf. Nutzt Dauer- oder gute Papierfilter. Denn seien wir mal ehrlich: Billige Teebeutel sind das Äquivalent zu Kapselkaffee. Siehe Coffeeness-Motto für weitere Schlussfolgerungen.

Ob ihr die Gewürze direkt beim Teebrühen hinzu gebt, oder ob ihr euch die Mühe macht, und erst die Gewürze mit Wasser aufkocht, um dann den Tee zuzugeben und das Ganze noch einmal aufzukochen, ist eigentlich egal.

Auch, welche Gewürze nun in den Masala Chai hinein gehören, ist nicht festgelegt. Ich persönlich finde Zimt und etwas Muskat praktisch unverzichtbar, Pfeffer und Nelken gehören auch hinein. Ihr könnt euch auch mit Lorbeer, Kardamom, Anis oder Ingwer austoben. Nur das Currypulver würde ich doch im Regal lassen.

Rezept und Zutaten

Gewürze

Chai Paste frisch gemacht

Tatsache ist jedoch, dass ihr den Tee eher wieder aus der Chai-Grundlage entfernen solltet als die Gewürze, die ruhig noch ein bisschen länger ziehen dürfen. Da aber keiner beim Trinken auf Pfefferkörner etc. beißen möchte, solltet ihr diese vor dem nächsten Schritt ebenfalls abseihen.

Mein kleiner DIY-Tipp: Nehmt euch eine ausrangierte French Press, die ihr nicht mehr (!) für Kaffee verwendet, schmeißt die Gewürze und den Teefilter mit eurem losen Tee hinein, lasst das Ganze zusammen je nach Teesorte durchziehen, nehmt den Filter raus, lasst die Gewürze noch was weiter ziehen und drückt anschließend den Stempel runter.

Fehlt eigentlich nur noch der Zucker, damit der Grundsud für Chai stimmt. Wie ihr wisst, erlaube ich Industriezucker noch nicht einmal im Eiskaffee. Aber wie ich bereits dort geschrieben habe, könnt ihr zum Beispiel mit Vanille „süßen“, ohne wirklich zu süßen. Und ein bisschen Birkenzucker, Honig oder Kokosblütenzucker ist im Chai okay. Denn ganz ohne Süße wird’s zu krass.

Chai Latte selber machen

Und jetzt machen wir aus dem Tee einen Marsala Chai. Milchschaum, marsch! Je kräftiger ihr die Tee-Gewürzmischung zubereitet habt, desto besser kann sie sich gegen die cremige Süße der Milch durchsetzen.

Chai Latte Pulver: Was überhaupt nicht geht. Und wo ich ein Auge zudrücke.

In vielen Kaffeebars stehen die bunten Dosen der Chai-Anbieter wie Trophäen auf dem Regal. Denn so eine Pulvermischung ist in den meisten Fällen wesentlich präsenter im Geschmack und damit auch für unsere verkorksten westeuropäischen Geschmacksnerven ideal. Zucker und Zeug sei dank.

Ich habe mich inzwischen durch viele Angebote und Firmen durchgetestet und habe bei den Pulvern festgestellt, dass es wirklich himmelweite Unterschiede beim Geschmack und manchmal auch bei den Zutaten gibt. Gucken wir mal genauer hin.

David Rio Chai

Das Unternehmen aus San Francisco gehört zur Speerspitze des Chai Latte-Hypes und hat sich mit verschiedenen Mischungen, die alle irgendwas mit Tieren zu tun haben, einen Namen gemacht. Der Tiger Spice Chai mit ordentlich Koffein ist dabei genauso beliebt wie etwa der Flamingo Vanilla Chai, der sowohl koffein- als auch zuckerfrei ist. Hier wird mit Splenda (E955), einem Süßstoff, nachgeholfen.

Man muss David Rio zugute halten, dass die Chais allesamt lecker sind und sich in Sachen Gewürze recht nah am traditionellen Vorbild orientieren. Sie sind ohne Gentechnik, die Gewürze sind nach US-Vorgaben bio und die Mischung sogar frei von Laktose – und werden beim Aufschäumen an der Dampfdüse dennoch ultracremig.

Andererseits ist die Zutatenliste nicht wirklich kürzer als bei anderen Produkten und so eine Dose hat als Import ihren Preis. Doch wird hier wenigstens darauf geachtet, dass das Ergebnis nicht allzu künstlich schmeckt. Ganz im Gegensatz zu…

Krüger Chai Latte und Lipton Chai Latte

Ich habe dieses Zeug nur für euch einmal probiert und werde es nie wieder tun! Ob Ihr nun Krüger Chai Latte Classic India, eine andere Sorte aus dem Programm oder von Lipton wählt, das Ergebnis ist immer gleich: Pappsüßer Mist, der mit Chai noch weniger zu tun hat als mit Chai Latte. Statt 7 Prozent Tee (wie bei David Rio) sind hier nur 2 und 3 Prozent enthalten und der Rest wird mit Zucker und Aromen aufgefüllt. Mjamm. Nicht.

Darboven Chaipur Chai

Darboven war als großer Gastro-Belieferer schon ziemlich früh ziemlich clever und hat mit der Chaipur-Linie den heimischen Markt schneller besetzt als David Rio. Die meisten Sorten sind ähnlich künstlich schmeckende Fehlschläge wie bei Krüger, auch wenn der Fehlschlag hochwertiger auf der Zunge erscheint.

Der Chaipur Hot Spice kommt des traditionellen Chai jedoch ob der Würze viel näher, als man denken mag. Hier ist es nur überaus wichtig, dass ihr nicht zu viel vom Pulver nehmt und die Milch wesentlich heißer macht, als ihr es bei Milchschaum gewohnt seid. Denn sonst ist die Mischung wiederum grauselig.

Chai Sirup von Monin

Diese Abwegigkeit will ich euch auch nicht vorenthalten. Chai Latte als Sirup ist zwar kein exklusiver Geistesblitz von Monin, aber die Franzosen sind in Sachen neue Geschmacksrichtungen für Pansch-Zutaten ja immer ganz vorne mit dabei. Bubblegum- und Zuckerwatte-Sirup, anyone? Braucht kein Mensch im Kaffee und schon gar nicht für Chai.

Wo wir gerade bei dieser Kombi sind…

Dirty Chai und Iced Chai Latte

Chaifans behaupten ja gerne, dass sie ein Chai Latte als Kaffeeersatz viel besser und gesünder in den Tag bringt. Das lassen wir jetzt mal unkommentiert so stehen (*hust* Blödsinn *hust*). Wer aber auf Beides nicht verzichten will, bestellt gerne einen Dirty Chai, also Chai Latte mit einem Shot Espresso.

Das funktioniert tatsächlich am besten mit den Pulvern, die für eine sehr cremige Mischung mit lecker Kaffeegeschmack sorgen. Bei einem echten Chai wäre der Kaffee kompletter Quatsch, weil euch der Tee auch von ganz allein mit seiner Präsenz umhauen wird. Versprochen.

Sobald es zu heiß für Heißgetränke wird, steht auch der Iced Chai Latte wiederum hoch im Kurs. Den könnt ihr mit beiden Varianten (also echt und Pulver) super hinzaubern. Beim Original lasst ihr den Tee gut abkühlen, gebt ihn auf Eiswürfel und füllt das Ganze mit kalter Milch auf.

Da lösliches Pulver bei kalter Lösung immer etwas träger ist, geht ihr hier am besten einen kleinen Umweg: Löst das Pulver zunächst in einer Mini-Menge Heißwasser an und rührt es glatt. Gebt diese Mischung dann in kalte Milch, rührt noch einmal und gebt nach Lust und Laune Eiswürfel, Speiseeis, Schnickschnack und Pipapo dazu. Man gönnt sich ja sonst nichts … oder trinkt lieber gleich etwas Gescheites.

Chai Latte ist eigentlich Quatsch. Chai aber ganz sicher nicht

Nachdem wir nun den Unterschied zwischen Chai Latte (den ich aus Erfahrung einfach mal mit Pulver-Chai gleichsetze) und original Chai kennen, ist klar, wie das Fazit lautet: Ich kann niemandem von euch verbieten, bei Pulver-Chai zuzuschlagen.

Chai Latte als Macchiato

Ja, gute Sorten sind schön würzig, lecker cremig und schmecken wirklich wie eine erwachsene Variante unseres heißgeliebten Kinderkakaos. Aber echter Marsala Chai schmeckt einfach wesentlich echter, es sind keine E-Nummern oder Emulgatoren notwendig und ihr habt auch noch die Möglichkeit, euer eigenes Rezept zu basteln.

Chai mit Milch und schwarz

Tee und Kaffee sind sich unheimlich ähnlich und bei Kaffee käme ich ja auch nie auf die Idee, euch einen Krüger Typ Cappuccino oder sonst eine Fertigpampe ans Herz zu legen. Und damit fange ich auch bei Chai ganz sicher nicht an.

Nicht so schüchtern. Ich freue mich von dir zu hören.

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