Kaffee aus der Chemex: Anleitung, Tipps & Filter-Geheimnisse

Wenn Insta-Barista nicht gerade ihren Handfilter für schicke Fotos drapieren, strahlt uns die ebenso schicke Chemex-Glaskaraffe aus den Bildern an. 

Wenn Insta-Barista nicht gerade ihren Handfilter für schicke Fotos drapieren, strahlt uns die ebenso schicke Chemex-Glaskaraffe aus den Bildern an. 

Schon allein wegen ihres MoMa-würdigen Designs wirkt die Kaffeekaraffe in Sanduhrform wie eine völlig eigenständige Zubereitungsmethode. Allerdings verwendet sie ebenso Papierfilter wie ein Hario V60 oder ein Melitta-Aufsatz.

Worin liegt also ihr inzwischen mehr als 80 Jahre andauernder Erfolg? Die Erfindung von Peter Schlumbohm aus dem Jahre 1941 ist zuallererst so etwas wie eine manuelle Filterkaffeemaschine.

In der entsprechenden Tassengröße macht sie auf einen Schwung genauso viel Kaffee wie eine handelsübliche Melitta-Maschine. Doch bereits die besonderen Filtertüten und einige Eigenheiten sollen für einen Kaffee sorgen, der sich klar von anderen Methoden abhebt.

Mehr dazu erfahrt ihr in diesem aktualisierten Ratgeber. Für visuelle Inspo könnt ihr nebenbei den Chemex-Account bei Insta durchscrollen. Für audiovisuelle Eindrücke empfehle ich euch mein Video.

Mehr als ein Coffee Maker: Welche Chemex-Variante kaufen?

Die einzig wahre Chemex-Kaffeekaraffe gibt es eigentlich nicht (mehr). Auf der Herstellerseite und bei anderen Equipment-Händlern findet ihr derzeit fünf Serienversionen: Classic, Glass Handle, Handblown, Funnex und Ottomatic.

Die Classic-Karaffe sieht genauso aus, wie sich Chemiker Schlumbohn das vor 80 Jahren gedacht hat: Sanduhrform, Holzmanschette, Ausgusstülle. 

Die Glass Handle-Serie kommt ohne Manschette aus, weil sie einen Glasgriff bietet. Für Fans echter Handarbeit ist die Mundblase-Reihe gedacht, die natürlich mindestens doppelt so teuer wie das klassische Modell ist.

Funnex als Chemex-Aufsatz für die Thermoskanne oder andere Unterwegs-Behälter braucht nach meiner Ansicht kein Mensch. Genauso wenig wie die Ottomatic-Ausgabe mit „angeschlossener“ Filterkaffeemaschine.

Das Geheimnis liegt in den Filtertüten

Alle klassischen Chemex-Versionen aus Glas und ohne Schnickschnack sind in unterschiedlichen Größen erhältlich. Je nach Serie sind zwischen 3 und 6 Tassen oder bis zu 10 Tassen möglich. Schon hier solltet ihr euch eines merken:

Wie bei der French Press gelingt euch der beste Kaffee, wenn ihr pro Aufguss die volle Menge an Kaffee produziert. Es ist also nicht allzu clever, einen 2-Personen-Haushalt mit einer 10-Tassen-Chemex auszustatten.

Fast noch wichtiger als die Größe des Behälters ist bei dieser Zubereitungsart der Filter. Er besteht aus speziellen Fasern und ist als Kreis, Halbmond oder Quadrat ausschließlich vom Hersteller erhältlich.

Arne mit Chemex und Filter gluecklich

Der bis zu dreißig Prozent dickere, mit Sauerstoff gereinigte Zellstoff soll Bitterstoffe und Kaffeeöle wesentlich besser aus der Tasse heraushalten als dünneres Konkurrenzpapier. 

In Sachen Koffein liegt der Kaffee laut unserer Studie kurz unter Cold Brew und Handfilter, aber über der Kaffeemaschine.

Da bei der Extraktion bestimmte Stoffe stärker zurückgehalten werden als anderswo entwickelt Chemex-Kaffee zwangsläufig ein geschmackliches Eigenleben. Etwas leichter als Handfilterung, eindeutig geräumiger als die Maschine.

Ich finde jedoch die Bewertung als absolute Geschmacksoffenbarung manchmal als übertrieben. Die Nuancen sind vor allem davon abhängig, welchen und wie viel Kaffee ihr verwendet, wie ihr die Rezepte umsetzt usw. Das gilt aber für jede Form von Kaffee.

Zudem stellt sich auch ein wenig die Preisfrage: Die Karaffe selbst kostet als klassische 6-Tassen-Ausgabe über 40 Euro, 100 Chemex-Filter kosten rund 15 Euro. 

Zum Vergleich: 100 Melitta-Tüten kosten (hochgerechnet) nur 2,50 Euro, 100 Filter für den Hario V60 (in ähnlicher Zellstoff-Qualität) nur rund 6 Euro.

Chemex, Filter-Alternativen & der Geschmack: Die beste Art der Kaffeezubereitung?

Wie ich schon sagte, ist eine Chemex rein mengentechnisch die „Kaffeemaschine“ der Handfilterung. Zumindest in den Versionen 6, 8 und 10 Tassen. 

Auch wenn Brühvorgang, Mahlgrad und Dosierung typischen Pour-Over-Vorgaben entsprechen, kommt am Ende anderer Kaffee aus der Borosilikatglas-Karaffe als bei anderen Methoden. Doch wie groß sind die Unterschiede tatsächlich?

Hario V60 vs. Chemex

Der Hario V60 Handfilterhalter und die Chemexmethode sind bis auf ihre typische Menge nahezu identisch. Das liegt nicht zuletzt an der identischen Designidee: 

Während Melitta-Filter einen flachen bzw. horizontal gefalteten Boden besitzen, setzen Chemex und V60 auf die Eistütenform.

Hario V60

Dadurch soll das Wasser besser und gleichmäßiger durch das Kaffeemehl laufen, die Extraktion wird optimiert. Bei Melitta suppt das Wasser wesentlich länger am Filterboden herum, was teilweise zur Überextraktion führt.

Allerdings unterstützt der V60-Filterhalter die perfekte Wasserbewegung zusätzlich durch spezielle Rillen in der Halterwand, die Chemex arbeitet völlig ohne Aufsatz. Das Filterpapier wird hier einfach in den oberen Karaffenbereich aus glattem Glas gesetzt.

Es mag eine Glaubensfrage sein, ob die Rillen tatsächlich einen Effekt haben oder nicht. Tatsache ist aber, dass eine kleinere Menge Kaffee, die manuell im Filterhalter zubereitet wird, theoretisch feinere Geschmacksnoten in die Tasse bringt als der große Chemex-Schwung.

Der Grund: Je größer die Kaffeemenge, desto länger dauert der Brühvorgang. Damit schleichen sich schneller Fehler beim korrekten Aufgießen, in der Blooming-Phase usw. ein. 

Außerdem kann sich die Wassertemperatur ändern, das Filterpapier kann etwas von seiner Integrität verlieren oder der Kaffee kühlt unten schon ab, während ihr oben noch gießt.

So oder so arbeiten beide Versionen Säuren und leichte Aromen besonders gut aus den Bohnen, weil sie Öle zurückhalten und zum Beispiel Röstaromen zugunsten floraler Noten unterdrücken.

Chemex vs. Bodum Pour Over

Unter den Chemex-Nachäffungen ist die Bodum Pour Over aus mehreren Gründen sehr beliebt. Sie ist je nach Karaffengröße ziemlich günstig, robust und bringt sowohl einen Deckel mit Ausguss als auch einen Permanentfilter mit.

Auch in unserem Team ist die Nachäffung wesentlich öfter im Einsatz als die Chemex – selbst, wenn sie in der Küche nebeneinander stehen. Die Bodumvariante ist nämlich idiotensicher und hat sich deshalb einen Platz in unserer Equipment-Liste für blutige Anfänger gesichert:

Auch wenn der (mittlere) Mahlgrad nicht ganz korrekt ist, ihr vom Blooming (noch) nie gehört habt oder eure Auswahl an Kaffee nicht ganz zur Handfilterung passt, macht diese Kanne einfach trinkbaren Kaffee. Immer.

Ihr dürft zwar vom Kaffee keine Geschmacksoffenbarung erwarten – im Gegenteil. Der permanente Filter ist gröber als die Papierversion, es werden mehr Schwebstoffe und Hau-Drauf-Aromen extrahiert. Doch die generelle Zielgenauigkeit beeindruckt. Und der Aufsatz ist praktisch endlos wiederverwendbar.

Für sehr feine, sehr hochwertige oder gar sehr teure Single Origins und Specialty Coffees ist die Bodumkanne aber keine Empfehlung. Die Chemex dafür umso mehr.

Andere Nachäffer wären zum Beispiel die Hario Woodneck mit Stofffilter und tausend namenlose Neuauflagen, die demselben Prinzip folgen und eine ähnliche Bewertung erhalten.

Chemex vs. French Press

Dieser Vergleich ist eigentlich keiner, weil Chemex und French Press zwei komplett unterschiedliche Arten der Zubereitung und damit auch komplett unterschiedlichen Kaffee abbilden. 

Arne mit French Press

Die Chemex ist eine Form der Filterung, die French Press eine Form der Full Immersion.

Dabei steht das gesamte Kaffeemehl während der gesamten Extraktionszeit mit Wasser in Kontakt, während es bei Aufgussvarianten an jedem Krümel Kaffee nur „vorbeirauscht“. Aus diesem grundsätzlichen Unterschied ergeben sich klare Unterschiede im Aroma und dem Schwierigkeitsgrad:

Auch die French Press ist Anfänger-tauglich, bildet aber den Kaffeegeschmack nur in Primärfarben ab. Die Chemex zeigt Nuancen und Abstufungen, in der Stempelkanne wird es vorlaut und sehr eindeutig.

Allerdings ist Full Immersion auch die Methode der Wahl beim Cupping – der professionellen Geschmacks- und Qualitätsbeurteilung. Zwar mit etwas anderem Mahlgrad und genaueren Vorgaben, aber dennoch.

Darum solltet ihr euch mal den Spaß machen und dieselbe Röstung in der Stempelkanne und der Chemex zubereiten. So lernt ihr euren Kaffee von allen Seiten kennen. Und das sind praktisch immer die besten!

Chemex vs. AeroPress

Arne mit Aeropress

Filterkaffee mit und ohne Druck – das ist der wesentliche Unterschied zwischen Chemex und AeroPress. Beides sind originäre Erfindungen kluger Menschen. Die Chemexkanne ist weniger für Experimente und neue Röstungen gedacht, die AeroPress macht am liebsten nichts anderes.

Ich finde, dass die AeroPress mehr Aufwand erzeugt und mehr Erfahrung mit dem Kaffee kochen an sich verlangt – und nicht besonders gästetauglich ist. Zudem reden wir von zwei völlig unterschiedlichen Aromenprofilen, die sich beide nur schwer einordnen lassen.

Chemex-Zubereitung: Anleitung & Tipps

In seiner kürzesten Form lautet der Brewing Guide für die Chemex 

Macht dasselbe wie beim Handfilter, nur mit mehr Kaffee und Wasser!

Die Brew Ratio, der Mahlgrad und andere wichtige Parameter sind nun mal identisch:

  • 6 bis 7 g Kaffeepulver pro 100 ml Wasser
  • Wassertemperatur ungefähr 96 °C
  • Ungefähre Brühzeit in Minuten (inklusive Blooming) = ml – 100
  • Mahlgrad mittel

Wie bei allen Filtermethoden reicht eine preiswerte Kaffeemühle für die Chemex-Zubereitung erfreulicherweise aus. 

Allerdings könnt ihr bei allzu günstigen Versionen nur auf voreingestellte Tassenportionen zugreifen, bzw. müsst ihr diese mit einer Kaffeewaage und exzellentem Zeitgefühl austricksen.

Der eigentliche Knackpunkt bei einer Chemex ist der Filterkreis (oder Halbmond oder Quadrat), den ihr sinnvoll in die Karaffe setzen solltet. Darum kümmern wir uns ausführlicher um …

Filter falten?

Macht euch das Leben einfacher und setzt immer auf die vorgefalteten Filtervarianten. Für die 3-Tassen-Karaffen benötigt ihr die Halbmondversionen, ansonsten habt ihr die freie Wahl zwischen allen sauerstoffgebleichten oder natürlich braunen Formen.

Arne mit Filter und Chemex

Ich persönlich bevorzuge meist die eckige Version, weil sie schöner aussieht und ein paar Schutzflügel gegen versehentliches Danebenkippen bietet. Der Kreis ist allerdings besser zur Sichtkontrolle beim Aufgießen.

Zum korrekten Einsetzen müsst ihr nur beachten, dass der Ausguss zu euch zeigt und die dreilagige Seite des Trichters ebenfalls in Richtung Ausguss zeigt.

Das ist tatsächlich schon alles. Wenn sich das Papier durch Wasserdampf und Feuchtigkeit gut und gleichmäßig an den Glastrichter schmiegt, kann es schon losgehen.

Kaffee aufbrühen

Wer einmal gelernt hat, wie eine Handfilterung funktioniert, kann seine Erfahrungen quasi eins zu eins auf die Chemex übertragen:

  1. Filter vollständig mit warmem/ heißem Wasser benetzen und ausspülen. Am besten direkt in der Kanne. So wird sie gleich vorgewärmt. Das Restwasser wegschütten.
  2. Frisch gemahlenen Kaffee in den Filter geben. Die Oberfläche mit leichten Schüttelbewegungen begradigen.
  3. Den ersten Schwung Wasser direkt in der Mitte des Kaffeemehls platzieren und in sanften Spiralen einmal das ganze Kaffeemehl bedecken.
  4. Rund 30 Sekunden warten (Blooming-Phase)
  5. Zweiter Aufguss spiralförmig. Ist das Kaffeemehl gesättigt, warten bis die Flüssigkeit vollständig abgeflossen ist.
  6. Wiederholen, bis das Wasser verbraucht ist.

Für solche Feinarbeiten empfehle ich zum Beispiel den Hario Buono Wasserkessel mit präzisem Schwanenhals. Aber auch jede andere Kanne nach diesem Bauplan ist super.

Warm halten solltet ihr das Ganze natürlich nicht. Zweimal gekochter Kaffee ist schlechter Kaffee. Darum ja auch die Forderung, die richtige Cup-Größe für euren Haushalt zu wählen.

Chemex reinigen

Die Papierfilter sind laut Hersteller komplett kompostierbar und biologisch abbaubar. Die Reinigung der Karaffe ist aufgrund ihrer Sanduhrform schon etwas schwieriger. 

Ihr könnt (und solltet) die Holzmanschette abnehmen und das Borosilikatglas in die Spülmaschine stellen. Diese sollte allerdings groß genug sein.

Ansonsten bleiben euch Flaschenbürsten oder spezielle Reinigungskugeln, die es zum Beispiel auch für Dekanter und ähnlich umständlich designte Glasobjekte gibt. Die Manschette würde ich von Wasser fernhalten, ihre Reinigung ist meist auch nicht nötig.

Kaffeezubereitung in der Chemex: Eine Welt für sich?

Die Chemex hat aufgrund der Papierfilter und ihres besonderen Designs auf jeden Fall eine Daseinsberechtigung als eigenstände Zubereitung für Filterkaffee. Ich würde jedoch nicht ganz so weit gehen und ihr absolute Einmaligkeit unterstellen.

Dazu ist der Geschmack zu nah am Handfilter – und am Ende kommt es sowieso auf die Kaffeebohnen und eure Sorgfalt bei der Zubereitung an.

Einige von euch haben bereits tolle Praxistipps zur Handhabung der Designkaraffe abgegeben. Macht gern weiter so und hinterlasst eure Kommentare!

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