Chemex – Besser als ein Handfilter? Wie eine alte Erfindung zu neuen Ehren kommt

Seien wir mal ehrlich: Wir Third-Wave-ianer tun ja gerne so, als hätten wir die Sache mit der Handfilterung erfunden. Zumindest wird der aktuellen Kaffeekultur gern unterstellt, sie sei ein elitärer und überheblicher Haufen, der längst Bekanntes in ein sinnlos hippes Gewand kleidet.

Und so ganz kann ich diesen Vorwurf nicht zurückweisen, denn etwa der Erfolg von Hario oder eben auch jener der Chemex beruht auf Erfindungen, die uralt sind und mit denen schon unsere Eltern und Großeltern hantiert haben – ohne Hipster-Attitüde.

Schon 1941 erfand Peter Schlumbohm die Chemex Kaffeekanne mit ihrem ziemlich simplen Design und puristischen Look. Bereits 1958 wurde sie zu einem der bestdesignten Produkte der Moderne erklärt. Sie steht sogar im Museum of Modern Arts.

Chemex ohne Kaffee

Chemex mit Kaffee

Warum hat es also so lange gedauert, bis sich diese hübsche Handfiltermethode wieder durchgesetzt hat? So viel vorweg: Sie war nie verschwunden, nur wird sie in Zeiten von Instagram (hier der Chemex-Account) und Co. viel besser beworben und passt einfach perfekt in die Third-Wave-Zeit.

Aber wie schmeckt denn nun der Chemex Kaffee, wie müsst ihr die Chemex Filtertüten falten und welche geheimen Tipps gibt es für die Zubereitung? Die Antworten liefert dieser Artikel. Und er soll ein ewiges Duell klären – Hario V60 Filter vs. Chemex: Wer macht den besseren Kaffee?

Wie funktioniert eine Chemex Kanne?

Wenn ihr euch eine Chemex bei www.amazon.de oder auf der Herstellerseite genauer anguckt, dürfte euch sofort auffallen, dass „schlicht“ hier wirklich auf die Spitze getrieben wurde. Die Kanne im Sanduhr-Design bringt eigentlich nichts weiter mit als eine Holzmanschette mit Lederkordel zum Anfassen.

Und wo soll da jetzt bitte Filterkaffee rauskommen? Erstmal gar nicht. Es reicht nämlich nicht, sich eine Chemex zu kaufen, ihr müsst euch auch noch einen Stoß Chemex Filter zulegen, die leider nicht ganz billig sind.

Die Filter bestehen aus einem schweren Zellstoff, der schon allein durch seine Papierqualität theoretisch besser filtert als ein handelsüblicher Kollege. Außerdem wurde er mit Sauerstoff vorgereinigt, sodass ihr euch um Chemikalien der andere Mist keine Gedanken machen müsst.

Ihr erhaltet diese Filter als vorgeknickte Kreise oder als klassische Vierecke, allerdings nur von Chemex selbst, nicht von Drittanbietern.

Kreise? Vierecke? Klingt nach Origami. Und ja, die Knicktechnik spielt eine entscheidende Rolle beim Kaffee aus der Chemex. Aber dazu später mehr.

Zunächst einmal zurück zur Kanne: Die besteht aus feuerfestem Borosilikatglas, wie ich es euch schon öfter im Zusammenhang mit vielen Methoden zur Zubereitung – von French Press bis Milchschäumer – vorgestellt habe.

Die beiden Chemex größen

Der sich verjüngende Hals mit Manschette ist dafür da, dass die Filtertüten nicht in den Kannenboden rutschen. Die Manschette sorgt dafür, dass ihr die Kanne einfach anfassen, den Kaffee auskippen und das Ding überall hintragen könnt.

Wie clever diese einfache Idee ist, zeigt sich vor allem dann, wenn ihr die große Chemex Kanne für 8 Tassen verwendet: kein Schwappen, keine Angst für heißen Fingern, keine andere Kanne nötig, einfach genial.

Eine so hervorragende Idee hat natürlich viele Nachahmer gefunden und inzwischen bringen andere Hersteller von Bodum bis Hario eigene Chemex-Abkömmlinge auf den Markt.

Ich habe zum Beispiel die Hario Woodneck für euch getestet, die mit einem Stofffilter ausgestattet ist, aber das gleiche Prinzip fährt.

Chemex Filter falten: Eine Anleitung

Okay, ich habe ein bisschen geschwindelt: Eigentlich müsst ihr bei einem Chemex Filter nichts mehr groß falten. Denn die Dinger sind nicht ohne Grund schon vorgefaltet.

Am besten finde ich die eckige Variante, die in meinen Augen mehr Sicherheit gegen versehentliches Daneben-Dosieren liefert. Und sie passt besser zum rustikalen Look – was natürlich reine Geschmackssache ist.

Wenn ihr die Chemex vor euch habt, dreht sie mit dem Ausguss zu euch und setzt den Filter so ein, dass ein nach oben offener Kegel entsteht, bei dem die dreilagige Seite auf der Seite des Ausgusses ist.

Runder Chemex Filter

Gefalteter Filter

Chemex Filter falten und einsetzen

Und ja, das ist beabsichtigte Schleichwerbung für meine Freunde von Quijote Kaffee.

Welcher Kaffee für die Chemex?

Entscheidend für das Ergebnis bei der Handfilterung (und eigentlich allen Zubereitungsmethoden) ist natürlich das Zusammenspiel von Kaffeebohne, Mahlgrad, Wassertemperatur und Kaffeemenge. Für die Chemex 8-Tassenversion würde ich folgende Werte empfehlen:

  • Wassertemperatur etwa 95 Grad (Rund eine Minute im Wasserkocher stehen lassen. Mehr dazu gibt’s in meinem ausführlichen Artikel zum Wasserkocher Test).
  • Wassermenge rund 100 ml pro Tasse (macht sie am besten immer voll, dann stimmt die Balance!).
  • Kaffeemenge rund 48 Gramm (das ist aber Geschmackssache!).
  • Mahlgrad mittel (auf 10er-Skala etwa 5 bis 6).
Ein guter Papierfilter sorgt für eine recht starke Extraktion, die für mächtig viele Öle und ordentlich Körper im fertigen Kaffee sorgen kann. Das heißt aber auch, dass eher zärtliche, blumige Röstungen hier ebenfalls gut zur Geltung kommen.

Bei der Bohnenwahl solltet ihr also nicht zu ganz so kräftigen Varianten greifen, sonst wird’s vielleicht für euch zu viel auf der Zunge. Aber eurer Experimentierfreude sind natürlich keine Grenzen gesetzt!

Chemex Kaffee: So geht’s

Bei der Zubereitung geht ihr ähnlich wie bei einem Hario- oder Melitta-Handfilter vor:

  • Benetzt zunächst den Filter vollständig mit Wasser und spült so überflüssige Papierreste aus dem Gewebe. Wenn ihr den Filter direkt in der Chemex spült, wärmt ihr die Kanne gleichzeitig vor und der Filter macht es sich in der perfekten Position bequem. Das Restwasser könnt ihr über den Ausguss ganz leicht wegschütten.

Mit Wasser ausspülen

Schütteln

Wasser ab gießen

  • Füllt die genau abgemessene und frisch gemahlene Menge Kaffeepulver in den Filter. Mit einer leichten Schüttelbewegung sorgt ihr dafür, dass die Oberfläche homogener wird.
  • Das Aufgießen erfolgt in mehreren Schritten:
  1. Den ersten Schwung Wasser (etwa doppelt so viel wie Kaffeepulver; also 100 ml auf 48 g) solltet ihr zunächst direkt in der Mitte des Kaffeemehls platzieren und dann in sanften Spiralen das ganze Kaffeemehl bedecken. Das nennt man „blooming“, weil das Kaffeemehl so gleichmäßig angefeuchtet wird und aufquillt. Wartet dann rund 45 Sekunden.
  2. Der zweite Aufguss besteht aus rund 200ml und sollte wieder spiralförmig ausgegossen werden. Dabei darf das Wasser möglichst nicht den Filter berühren. Und lasst euch unbedingt Zeit. Wartet, bis sich das Kaffeemehl von allein etwas nach unten bewegt und die Wasserpfütze „eingezogen“ ist.
  3. Wiederholt Schritt 2 noch etwa zweimal (je nach Kannengröße)
  4. Wartet, bis das Wasser vollständig durchgetropft ist und entfernt dann den Filter.

Für solche Feinarbeiten empfehle ich den Hario Buono Wasserkessel, der mit seinem Schwanenhals absolut präzise ist. Ich habe aber von euch schon gehört, dass ihr inzwischen viele gute Alternativen gefunden habt.

Hauptsache, ihr könnt langsam und zielgenau gießen!

Preinfusion

Bluming

Verbrühen des Kaffees

Das restliche Wasser aufgießen

Filter raus

Chemex Kaffeekanne reinigen

Über die Filter müsst ihr euch natürlich keine Gedanken machen, bei der Kanne scheint die Reinigung wegen der Form ein bisschen schwieriger. Allerdings könnt ihr die Manschette abnehmen und das Ding dann in eine entsprechend große Spülmaschine stellen. Ansonsten nehmt ihr eine passende Glasbürste – einfacher geht es nicht.

Keine Sorge: Das Glas ist recht robust und wirkt stabiler, als es zum Beispiel beim Hario Woodneck der Fall ist. Trotzdem würde ich mit einer Chemex vielleicht nicht jonglieren und anderes Geschirr in der Spülmaschine möglichst weit weg platzieren.

Chemex oder v60 Handfilter: Wer macht besseren Kaffee?

Kommen wir zur Duell-Frage: Ist die Chemex der bessere v60-Handfilter – oder anders herum? Schauen wir uns den Schlagabtausch einmal genauer an:

  1. PREIS rund 20 Euro für den Porzellan-v60 ✓ vs. 48 Euro Chemex (für 8 Tassen)
  2. DESIGN öder Filterlook vs. MoMA-würdiges Design ✓
  3. HANDHABUNG handlicher Filter ✓ vs. Karaffe
  4. KAFFEEAUSSCHANK extra Kanne vs. All-in-One ✓
  5. ZUBEHÖR mehr Drittanbieter ✓ vs. Exklusivfilter
  6. KAFFEE ultralecker ✓ vs. ultralecker ✓

Kaffee aus dem Chemex trinken

Einfach nur genießen

Das Fazit für die Chemex Kaffeekanne kann also nur lauten: Sie ist ein wunderschönes Stück, macht super Kaffee und hat nicht umsonst viele Nachahmer. Sie ist aber auch ein bisschen frickelig und geht ein bisschen ins Geld.

Wenn wir aber wieder zur Hype-Sache zurückkehren, passt kaum ein Stück so gut zur Third-Wave-Attitüde wie die Chemex Kanne. Und davon kann jeder halten, was er will.

Wie steht ihr dazu? Wollt ihr euch eine Chemex kaufen oder habt ihr noch Fragen? Dann hinterlasst mir gerne einen Kommentar!

3 Kommentare
  • Niklas
    4 July, 2017

    Guten Morgen,

    in wie weit unterscheidet sich der Geschmack zwischen einem V60 und dem Chemex?

    Und ebenfalls eine für mich bisher nicht beantwortbare Frage: Warum kommt die dreilagige Filterung in Richtung das Ausgusses? Überall steht dies, aber es gibt keine wirkliche Erklärung wieso.

    Ich würde mich über eine Antwort sehr freuen!

Ich freue mich über deinen Kommentar

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