Karlsbader Kanne im Test

Als aufmerksame Coffeeness-Leser habt ihr sicher schon festgestellt, dass ich mich beim Abhandeln der verschiedenen Zubereitungsmethoden bisher immer ein wenig um die Karlsbader Kanne gedrückt habe.

Warum, weiß ich auch nicht so genau. Denn das besondere Kännchen ist in Sachen Aromaentfaltung eine sehr gute Idee. Und dank Oma-Charme sieht sie auch noch sehr gut aus.

Vielleicht liegt es daran, dass wir es hier „nur“ mit einer Sonderform des Handfilters zu tun haben, die außerdem nicht allzu weit von Chemex oder Woodneck entfernt ist. Allerdings kommt die Karlsbader Kanne völlig ohne Stoff- oder Papierfilter aus.

Dafür zahlt ihr jedoch ordentlich Geld für ein Prinzip, dass ihr etwa mit dem Hario V60 auch günstiger haben könntet. Oder doch nicht? Gucken wir mal genauer hin.

Karlsbader Kanne, Bayreuther Kanne, Seihkanne – Ja, wie denn nun?

Bevor wir uns die Zubereitung von Kaffee in der Karlsbader Kanne angucken, sollten wir vielleicht erst einmal die ganzen Begriffe, die im Zusammenhang mit diesem Gerät durch die Gegend schwirren, auseinander klamüsern.

Grundsätzlich sind sowohl Karlsbader als auch Bayreuther Kannen nichts weiter als gebrandete Seihkannen. Eine Seihkanne besteht aus einer Kaffeekanne, die ihren eigenen Dauerfilter in einem Aufsatz gleich mitbringt.

Die Porzellanfabrik Walküre aus Bayreuth (woher sonst?) etablierte eine spezielle Seihkanne, die bis heute in ihrer ursprünglichen Form besteht: weißes, glasiertes Porzellan, eine bauchige Form, ein Look mit Jugendstil-Einschlag.

Filter aus Porzellan

Die Fabrik nannte das Ganze Karlsbader Kanne bzw. Karlsbader Kaffeemaschine, wohl weil es so schön nach Bohème und Upper Class im Heilkurort klang.

Dieses Branding funktionierte von Anfang an hervorragend. Erst wurden die Wiener in ihren Kaffeehäusern Fan, dann kamen die Amis und sorgten endgültig für die Etablierung des Begriffs Kalrsbader (oder böhmische) Kanne als Synonym für Seihkannen.

Bis heute spielt dabei auch eine Rolle, dass sich so eine Karlsbader Kanne hervorragend direkt am Tisch zubereiten lässt, während das bei Handfilter und Co. eher zu Sauereien auf der Tischdecke führen würde. Und da hätte das verwöhnte Kaffeehauspublikum vermutlich immer das gepuderte Näschen gerümpft.

Früher wurde die bauchige Form der Kanne auch als besonders aromaunterstützend beworben, was das Unternehmen 2007 jedoch selbst ad absurdum geführt hat – und zwar mit der Bayreuther Kanne bzw. Bayreuther Kaffeemaschine.

Das ist nämlich eine Karlsbader Kanne, die komplett gerade und windschnittig designt ist und ein bisschen die Formensprache des Mitropa-Geschirrs der DDR zitiert. Heute nennen wir sowas allerdings Minimalismus.

Fassen wir also zusammen: Karlsbader Kannen und Bayreuther Kaffeemaschinen sind immer Seihkannen, aber nicht alle Seihkannen sind Karlsbader oder Bayreuther. Die Bayreuther ist das moderne Designupdate der Karlsbader und alle kommen ohne zusätzlichen Filter aus. Aber wie funktionieren sie dann?

Deckel der Kanne

Filter der Kanne

Kaffee kochen in der Karlsbader Kanne – Die Anleitung

Porzellan ist als Filtermaterial eine Top-Idee. Schließlich ist es hygienisch, vollkommen geschmacksneutral, hat ein sehr gutes Temperaturhaltevermögen und ist auch noch ökologischer und nachhaltiger als Plastik.

Und weil hier kein anderes Zwischenstück zwischen Kaffee und Kaffeepulver kommt, kann eine Karlsbader den reinen Kaffeegeschmack noch besser unterstreichen. Die andere Seite der Medaille:

Karlsbader Kanne Kaffeepulver

Auch beim Wasserkochen bzw. der Frage nach dem Wasserfilter müsst ihr ein bisschen genauer arbeiten, denn wenn Mist in der Kanne landet, merkt ihr das hier sofort. Oder noch einfacher: Schlechter Kaffee schmeckt aus der Karlsbader noch schlechter.

Der Filtereinsatz einer Karlsbader Kanne besteht aus einem doppelt gelegten Sieb. Es ist sicher nachvollziehbar, dass es bei einem festen und harten Material wie Porzellan ziemlich schwierig ist, ein möglichst feinmaschiges Sieb, wie wir es bei Papier- oder Stofffiltern finden, herzustellen.

Das Karlsbader Sieb will das mit einer doppelten Sieblage lösen. Dieses Sieb könnte übrigens auch erklären, warum das Equipment relativ teuer ist. Denn mehr Löcher im Porzellan steigern auch die Gefahr, dass das Sieb beim Brennen platzt.

Aber selbst, wenn beim Brennen alles klappt, sind und bleiben die Löcher relativ grob. Und das bedeutet auch, dass ihr den Mahlgrad für die Karlsbader Kanne überaus grob halten müsst. Bei einer Kaffeemühle mit zehn Stufen wäre dies also Stufe 10.

Genauer Mahlgrad für die Karlsbader Kanne

Mahlgrad

Und daraus folgern wir wiederum messerscharf, dass sich die gemahlene Krönung und die Karlsbader Kanne eigentlich ausschließen. Oder anders gesagt: Karlsbader Kaffee muss immer frisch gemahlen sein. Und dagegen haben wir natürlich überhaupt nichts.

Kaffee aus der Karlsbader Kanne – Die Einstellungen und Mengen

Solltet ihr euch eine Karlsbader Kanne zulegen, braucht ihr also eine passende Kaffeemühle sowie evtl. eine feine Waage. Bei den Mühlen kommt ihr übrigens in diesem Fall mitunter durchaus günstig weg, denn „grob“ kriegen die meisten Geräte eher hin als „fein“. Nur mit der Gleichmäßigkeit kann es hapern.

Halten wir zunächst einmal die Grundeinstellungen und -werte für Kaffee aus der Karlsbader Kanne fest.

Die Original Karlsbader gibt es übrigens in zwei Größen: 0,38 Liter (für den Einzelgast) und 0,85 Liter (für zwei Gäste pro Tisch). Die Bayreuther bietet 0,7 oder 0,35 Liter. War der Bauch also für noch mehr gut.

  • Für die 350 ml Version benötigt ihr rund 22 Gramm Kaffee, nach Adam Riese ergibt dies analog 44 Gramm bei 0,7 Liter und etwa 53 Gramm bei der 0,85 Liter Originalkanne. Eine Einzelportion (pro Tasse) liegt zwischen 8 und 10 Gramm.
  • Mahlgrad: grob. So grob, dass nichts durch das Sieb fällt. Logisch.
  • Wassertemperatur: Ziemlich exakt 95 Grad Celsius für die beste Extraktion
  • Brühdauer: Angießen + 30 Sekunden Wartezeit + Durchlaufdauer

Karlsbader Kaffee – So geht’s

Habt ihr alles vorbereitet? Dann kann es mit der Zubereitung gleich losgehen. Und ja, die Anleitung ist jener der Handfilterung sehr ähnlich. Ich sage ja: Soooo besonders ist die Karlsbader Kanne gar nicht:

  • Füllt das grobe Kaffeemehl in den Siebaufsatz.
  • Setzt den Aufsatz auf die Kanne.
  • Laut Hersteller sollt ihrdann auf den Aufsatz noch den sogenannten Wasserverteiler setzen.

Wasser aufgießen

Dieses Teil lassen wir jedoch erst einmal weg! Denn wir kippen das heiße Wasser nicht einfach drauf und warten, bis alles durchgelaufen ist, sondern wir sorgen, wie bei jeder guten Handfilterung, für ein anständiges Blooming:

  • Feuchter zunächst das Kaffeemehl mit etwas Wasser an und warter rund 30 Sekunden, bis es anfängt zu quellen. Beim Blooming werden schon einmal viele Aromen gleichmäßig angelöst, die wir später unbedingt im Kaffee haben wollen.
  • Ist alles zur Zufriedenheit gebloomt, könnt ihr den Wasserverteiler aufsetzen und vorsichtig nachschenken, bis die Kanne voll ist.
    Es ist bei geschlossenen Porzellankannen natürlich ein bisschen umständlich, den aktuellen Füllstand zu checken. Was hilft? Wasser beim Umfüllen vom Kocher in die Schwanenhalskanne abmessen, im Wasserkocher gleich die richtige Menge kochen oder vorsichtig den Filter zwischendurch anheben.

Sobald alles durchgelaufen ist, könnt ihr den Filteraufsatz abnehmen, den Deckel aufsetzen und den Kaffee sofort servieren.

Welcher Kaffee für Karlsbader Kanne?

Bei der Kaffeebohnenauswahl will ich euch wie immer keine Vorschriften machen. Außer vielleicht, dass ihr euch gefälligst gute Bohnen kaufen sollt. Grundsätzlich eignen sich alle Sorten und Produkte, für die der Hersteller SOWOHL die Handfilterung als auch die French Press empfiehlt.

Warum? Die Karlsbader Zubereitung ist eine kleine Nummer für sich, die sozusagen die Welten French Press (in Sachen direktes Brühen) und Filterkaffee (in Sachen Filterung) verbindet. In unserem Test bieten sich dabei zum Beispiel die Kaffees von CrossCoffee oder der Limu von Coffee Circle an.

Am besten finde ich für die Karlsbader Kanne immer Röstungen, die mehr als eine Richtung beherrschen. Wenn sie gleichzeitig schokoladig und fruchtig, blumig und schmatzig, etwas weicher und etwas härter sind, funktionieren sie in der Kanne sehr gut.

Mit diesem Gerät für die Kaffeezubereitung lässt sich zum Beispiel auch sehr schön der Unterschied zwischen den verschiedenen Aufbereitungsarten von Kaffee geschmacklich entdecken.

Karlsbader Kanne im Hype-Check: Vor- und Nachteile im Überblick

Eigentlich ist an der Karlsbader Kanne nicht viel dran. Wie wir aber aus Erfahrung wissen, machen die einfachsten Dinge oft den besten Kaffee. Dass unsere Generation daraus einen Hype bastelt, steht erst einmal auf einem anderen Blatt.

Zumindest steht jedoch fest, dass die Karlsbader Kanne oder der Bayreuther Nachfolger in einer Reihe mit Kandidaten wie Chemex, Handfilter und Co. stehen: Handgebrühter Kaffee wird hiermit sorgfältig und mit dem Auge fürs Detail zubereitet.

Ziehen lassen

Gerade mit der Bayreuther Kaffeemaschine schafft es ein eigentlich piefiges Unternehmen, sich auch bei der Third Wave-Mischpoke beliebt zu machen, die sowieso glänzende Augen kriegt, sobald das Zubereitungsgerät auch noch auf den Instagram-Bildern schön aussieht.

Dass Karlsbader Kaffee nicht ganz so hart trendet wie der V60 Handfilter oder die Chemex, liegt eigentlich nur daran, dass der Unterschied zu den beiden anderen Geräten dann doch nicht so groß ist. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass viele einem Gerät misstrauen, bei dem der Filter so grobmaschig ist.

Und ja, es kann euch schnell passieren, dass euer Kaffee aus der Karlsbader einen eindeutigen Crunch mitbringt. Außerdem ist ein Kaffeebereiter, der ausschließlich aus vielen Teilen aus Porzellan besteht, keine allzu stoßsichere Angelegenheit. Was besonders weh tut, wenn ihr euch die Preise für die verschiedenen Kannenausführungen anguckt.

Zieht man all den Budenzauber ab, ist der größte Vorteil der Karlsbader Kanne am Ende nur, dass ihr hier keinen weiteren Filter benötigt und so puren, unverfälschten Kaffee genießen könnt. Wobei unverfälscht in meinen Augen auch nur dann stimmt, wenn ihr ansonsten schlechte Papier- oder Stofffilter nehmt und diese vorher nicht auswascht.

Also noch einmal kurz die Vorteile der Karlsbader Kanne im Überblick:

  • All-in-One-Zubereitung – keine extra Kanne notwendig.
  • Hochwertiges Porzellan mit schickem Design.
  • Hygienischer und neutraler Dauerfilter aus Porzellan.
  • Alle geschmacklichen Möglichkeiten der Handfilterung.
  • Unverfälschter Kaffeegeschmack.

Die Nachteile lassen wir jedoch auch nicht unter den Tisch fallen:

  • Einzelteile ziemlich bruchanfällig.
  • Teurer Set-Preis.
  • Nur minimale Unterschiede zur gekonnten Handfilterung.
  • Benötigt eine sehr genaue Vorbereitung.

In vielen Artikeln zur Karlsbader Kanne wird immer wieder moniert, dass ihr dafür zwingend eine Kaffeemühle braucht. Dem Gemecker kann ich mich natürlich nicht anschließen, zumal hier endlich einmal die Mühlen ihr Können zeigen dürfen, bei denen ich sonst immer rummosere, dass sie nicht fein genug arbeiten.

Klassisch: Karlsbader Kanne

Die größere Gefahr besteht eher darin, dass sie nicht gleichmäßig mahlen und dann habt ihr erstens den schon beschriebenen Crunch in der Kanne und erhaltet zweitens ein ziemlich suboptimales Ergebnis. Denn was den Anspruch an die Zubereitung betrifft, ist die Karlsbader Kanne schon sehr genau und setzt hohe Maßstäbe. Aber auch das begrüße ich.

Letztendlich ist die Karlsbader Kanne ein ähnliches Nischenprodukt wie eine AeroPress, das versucht, das Beste mehrerer Welten in der Kaffeebereitung zusammenzuführen. Was bei der AeroPress eine Mischung aus Filterkaffee und „Hand-Espresso“ ist, ist bei der Karlsbader eben ein Filterkaffee mit French Press-Anklängen.

Ob das wirklich nötig ist, können wir getrost dahingestellt lassen. Schließlich zwingt euch keiner, Gerät A oder Methode B zu benutzen. Aber ausprobieren sollte man als echter Kaffeefan alles einmal.

Und die Karlsbader Kanne hat in ihrem Grundprinzip als Seihkanne vielen anderen Methoden zumindest eines voraus: Es gab sie schon, als selbst unsere Ur-Großeltern noch nicht einmal ein Funkeln im Auge ihrer Vorväter waren. Und was sich über so viele Jahrhunderte hält, kann ja gar nicht so schlecht sein. Das Rad finden wir heute ja auch immer noch prima.

Lasst mal hören: Wer von euch kennt/hat eine Karlsbader oder Bayreuther Kanne? Für welche Kaffees nutzt ihr sie am liebsten und wie würdet ihr den „unverfälschten Geschmack“ beschreiben? Hinterlasst mir gerne einen Kommentar!