Murnauer Nossa Senhora Brasilien Kaffee im Test – Single Malt in der Kaffeetasse

Ich bin Arne Preuß und kämpfe für mehr hochwertigen Kaffee.

Über die zwangsläufigen Parallelen zwischen Kaffee und Wein habe ich schon an vielen Stellen referiert. Wie beim Wein könnt ihr einer Kaffeebohne (wenn sie gut verarbeitet ist) die Herkunft anschmecken. Auch findet ihr haufenweise Geschmacksnuancen in beiden Varianten wieder – Früchte und Beeren sind hier nur der Anfang.

Über die zwangsläufigen Parallelen zwischen Kaffee und Wein habe ich schon an vielen Stellen referiert. Wie beim Wein könnt ihr einer Kaffeebohne (wenn sie gut verarbeitet ist) die Herkunft anschmecken. Auch findet ihr haufenweise Geschmacksnuancen in beiden Varianten wieder – Früchte und Beeren sind hier nur der Anfang.

Beim Test des Murnauer Nossa Senhora Brasilien Kaffees drängte sich mir zum ersten Mal eine ganz andere Verbindung auf: die von Kaffee und Whisky. Denn die Bio-Röstung aus Oberbayern ähnelt in vielerlei Hinsicht einem Single Malt – insbesondere beim Mundgefühl und der Nachhall-Action. Selbst geschmacklich musste ich sofort an die Hochprozenter denken.

Barista Arne bereitet Filterkaffee mit einem Handfilter zu und freut sich

Diese Einschätzung kann man so und so sehen:

Genauso, wie der Begriff Single Malt ein Qualitätsversprechen abgibt, zeigt auch der Murnauer Nossa Senhora in vielen Dingen echte Klasse. Doch genauso, wie Whisky nicht jedermanns Sache ist, wird auch dieser Kaffee bei manchen von euch sehr gut abschneiden, während andere von seinem Charakter garantiert weniger begeistert sind. Ich gehöre zur zweiten Kategorie.

Der Murnauer Nossa Senhora Brasilien Kaffee im Überblick

EintragWert
RösterMurnauer Kaffeerösterei
NameNossa Senhora
BesonderheitBio
Bohne100 % Arabica
HerkunftslandBrasilien
HerkunftsortMinas Gerais
Handelswegk.A.
VarietätMundo Novo
Ernteverfahrenk.A.
AufbereitungTrocken
ZubereitungsempfehlungHandfilter, Siebträger, Vollautomat
Röstdatum angegebenJa
Füllmenge250 g
Preis pro kg in Euro29,80

Der Murnauer Nossa Senhora kam als Teil eines Testpakets bei mir an, das unterschiedliche Röstungen und Röstereien mit klingenden Auszeichnungen vereint. Auch der Nossa Senhora stammt aus einer Rösterei, die sich als Röster des Jahres 2015 beim crema Magazin verdient gemacht hat.

Von solchen Prädikaten lasse ich mich nie beeindrucken, aber schaden kann es nicht. Der Murnauer wäre in der Kaffee-Zusammenstellung fast untergegangen, weil die Aufmachung der Packung ein wenig altbacken und uninspiriert wirkt. Ich erwähne das nur, weil es im Insta-Zeitalter und neben stylisheren Designs schon merkwürdig ist.

Dabei erfüllt der Murnauer Nossa Senhora jedoch alle Voraussetzungen, die einen modernen und „aufgeklärten“ Kaffee ausmachen:

  • Bio (DE-Öko-001)
  • Von einer einzigen Plantage
  • Produzenten mit Namen bekannt (Gisele und Ricardo Resende)
  • Röstdatum angegeben (in diesem Fall: 14. März 2019)
  • Alle wichtigen Angaben auf der Packung

Es sind also alle Faktoren gegeben, damit ihr die Besonderheiten einer brasilianischen Arabica-Bohne in Trockenaufbereitung problemlos in der Tasse schmecken solltet. Denn Brasilien ist für seine Naturals berühmt. Mehr dazu erfahrt ihr in meinem komplett überarbeiteten Text zum Thema Kaffeeaufbereitung.

Die Website der Murnauer Kaffeerösterei wirkt übrigens wesentlich moderner als das Corporate Design. Schön ist die schnuckelige bildliche Darstellung der versprochenen Geschmacksprofile, auch wenn ich mir bei den einzelnen Kaffee-Beschreibungen etwas mehr „How-to“ und weniger Marketing-Gelaber wünschen würde.

Der Nossa Senhora scheint auf den ersten Blick zwangsläufig ein Kaffee für den Kaffeevollautomaten zu sein. Schoko, Nuss und Mandel sowie die Angaben „sehr aromatisch mit dezenter Säure“ und „vollmundig“ klingen nach einer perfekten Grundlage für einen morgendlichen Cappuccino.

Das sagt man Brasilianern auch allgemein gern nach. Aber ich will ja nicht immer dem Herdentrieb folgen. Also habe ich mich an die Zubereitungsempfehlung auf der Packung gehalten und mir meinen Handfilter geschnappt. Das sollte auch das feine Süße-Säure-Spiel hervorkitzeln, von dem Naturals leben.

Wie immer sehen die Spezifikationen beim Handfilter folgendermaßen aus:

  • Papierfilter vorher ausspülen
  • Ungefähr 6 g Kaffeemehl pro 100 ml (ich tendiere gern zu 7 g)
  • Mittelfeiner Mahlgrad
  • Wassertemperatur rund 96 Grad Celsius
  • Kurze Blooming-Phase (Mehl leicht angießen)
  • Wasser in kreisenden Bewegungen langsam (!) aufgießen

Bohnenbild

Es ist immer ein bisschen unglücklich, wenn der erste Schwung Kaffeebohnen aus einer frisch angeschnittenen Packung mit Bruch, ein paar Unregelmäßigkeiten in der Größe und offensichtlich zu hell gerösteten Bohnen auffällt.

Allerdings löste sich die Befürchtung beim Murnauer Nossa Senhora schnell in Wohlgefallen auf. Der Rest der Bohnen war absolut in Ordnung und gleichmäßig. Anteilsmäßig waren die Fehler deswegen eindeutig nur eine Ausnahmeerscheinung im Promille-Bereich.

Die Röstung rangiert im City-Feld und die Bohnen haben auch haptisch und mit ihrer sauberen Oberfläche ohne Speck-Look einen sehr guten Eindruck hinterlassen.

Geruch

Wenn man sich die Profilangaben zu einem Kaffee vor dem Test durchliest, dann erwarte ich irgendwie immer, dass mir diese Nuancen beim Öffnen der Packung kraftvoll in die Nase steigen. Das war beim Murnauer Nossa Senhora eher nicht der Fall.

Der Geruch war etwas unentschieden, sogar ziemlich dezent – Schoko und Nuss waren aber durchaus vorhanden. Auch die Süße kitzelte angenehm in der Nase. Nur fehlte mir eine klare Tendenz und Bandbreite, die gezeigt hätte, dass der Kaffee etwas Besonderes ist.

Das war beim fertigen Kaffee nicht anders. Auch hier kam eine eher erwartbare Schoko-Nuss-Affinität zum Tragen, die mich ehrlich gesagt etwas gelangweilt hat. Das Aber folgte jedoch auf dem Fuße.

Geschmack und Säure

Während andere Kaffees ausgesprochene „Nebenbei“-Getränke sind, verlangt der Nossa Senhora ab dem ersten Schluck eure Aufmerksamkeit. Er zeigt eine Präsenz und Macht, die ich ihm nach dem Dufteindruck gar nicht zugetraut hätte.

Die Bitterschokolade führt hier eindeutig das Wort, aber darunter lässt sich auch ein Hauch von Frische erahnen – allerdings wirklich nur erahnen. Diese Frische ist sehr grasig-blumiger Natur, die fast schon ein wenig an Erde erinnert, die frisch voll geregnet wurde. Zudem kommt eine leichte Torfigkeit bzw. Fass-Stilistik ins Spiel. Gerade diese beiden Eindrücke haben den Gedanken an Single Malt überhaupt erst ausgelöst.

Die große Kunst dieses Kaffees ist es, dass er nur auf den ersten Blick wie ein typischer dunkler Kaffee wirkt, auf den die Deutschen so stehen. Auf den zweiten Blick zeigt er mehr Eleganz als die 0815-Mischung.

Das liegt insbesondere an den spannenden Bitterstoffen, die sich nicht so recht entscheiden können, ob sie nun bitter sein wollen oder nicht. Das klingt konfus, funktioniert aber beim Trinken hervorragend.

Dennoch fehlt es dem Geschmacksprofil für mich an einem zeitgemäßen Dreh. Wir haben es hier mit einem handwerklich sehr gut umgesetzten, prototypischen Vertreter des brasilianischen Stils zu tun.

Rein geschmacklich wird er mir nicht im Gedächtnis bleiben, es fehlt ihm an einem Charaktermerkmal, das ihn besonders macht. Allerdings glaube ich fast, dass es darauf weniger ankommt. Denn hier zählt das große Ganze, was sich insbesondere im nächsten Punkt ausdrückt.

Körper & Mundgefühl

Wenn dieser Kaffee eines hat, dann ist es Körper. Dieser kratzt immer haarscharf an der Grenze zu „too much“ vorbei. Ich glaube, dass viele von euch keinen Bock haben, sich von jedem Schluck Kaffee so „anschreien“ zu lassen.

Wer aber darauf steht, kann stundenlang auf einem einzigen Schluck herumkauen. Der Kaffee legt sich als angenehmer Film auf den Gaumen und lässt euch lange Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen.

Wenn ihr euch darauf einlasst, entdeckt ihr die kugelrunde und gekonnte Sauberkeit des Gebräus und habt keine Probleme damit, die unterschiedlichen Eindrücke auf der Zunge nachzuvollziehen.

Irgendwie ist der Murnauer Nossa Senhora wie ein engagierter Lehrer im mittleren Alter, der will, dass seine Schüler etwas aus dem Unterricht mitnehmen: „Schaut her, so schmecken ordentliche Brasilianer, wir schauen uns das mal genauer an und morgen schreiben wir darüber einen Test!“

Dieses Lehrbuchartige hat mich im gesamten Kaffeebohnen Test nicht verlassen.

Abgang und Nachhall

Spätestens in diesem Punkt war für mich die Parallele zum Single Malt klar. Denn hier hätte ich noch Stunden später sagen können, was ich gerade getrunken habe. So lange hat bisher kaum ein Kaffee in meinen Tests seine Stimme erhoben.

Und spätestens im Nachhall war ich mir über die wahrgenommenen Parallelen zu klassischen Single Malt-Noten sicher. Ein Hauch Honig, leichte Smoky-Tendenzen, ein paar Trockenfrüchte, dunkle Süße und elegante Brotigkeit – hier wurde der Whiskey-Look überraschend treffend durchexerziert. Gebrannt hat es natürlich nicht im Rachen.

Damit war der Nachhall das entscheidende Element, das den Nossa Senhora für mich zu einer Besonderheit machte. Ich bin zwar kein Whisky-Freund, hatte aber großen Spaß dabei, den Parallelen im Nossa Senhora nachzuschmecken. Nur frage ich mich natürlich, ob man ein Kaffeeurteil von hinten aufzäumen kann …

Für wen ist der Murnauer Nossa Senhora geeignet?

Als ausgesprochener Fan von blumigen, frischen und vielseitigen Kaffees bin ich beim Murnauer Nossa Senhora auf jeden Fall raus. Er ist mir zu eindeutig in seiner Schokoladigkeit, zu ausgesprochen in seiner stilistischen Tendenz und in mancher Hinsicht auch zu langweilig. Seiner süß-dunklen Präsenz fehlt es einfach an einem entsprechenden Gegengewicht.

Das sollte aber alle Fans von kräftigen Mischungen unter euch nicht davon abhalten, ihm eine Chance zu geben. Und sei es nur, um mal einen eindeutigen Brasilianer kennenzulernen, der handwerklich sehr sauber ist und deshalb lehrbuchartig Würze, Reife und Fülle durchexerziert.

Mich würde auch brennend interessieren, ob mein Single Malt-Eindruck von den echten Whisky-Trinkern unter euch bestätigt wird. Ich zumindest habe einen Fan in meinem Kreis kosten lassen und dieser kam tatsächlich zu dem gleichen Schluss.

Ich finde außerdem, dass ihr euch mit dem Handfilter bei diesem Kaffee einen größeren Gefallen tut, als wenn ihr ihn einfach nur in einen Kaffeevollautomaten schüttet. Denn gerade dann entlockt ihr dem Murnauer etwas mehr Vielseitigkeit, die gerade im Nachgang funktioniert.

Ich freue mich über deinen Kommentar

Inhaltsverzeichnis