Angelique’s Finest Espresso Test: Außen Empowerment, innen Frische

Ich bin Arne Preuß und kämpfe für mehr hochwertigen Kaffee.

Manchmal liebe ich meinen Job besonders. Etwa dann, wenn ich euch Produkte vorstellen kann, deren Intention mich rundum überzeugt, bei denen ich die Macher kenne und schätze – und die am Ende auch noch gut sind.

Manchmal liebe ich meinen Job besonders. Etwa dann, wenn ich euch Produkte vorstellen kann, deren Intention mich rundum überzeugt, bei denen ich die Macher kenne und schätze – und die am Ende auch noch gut sind.

Das gilt für Angelique’s Finest Espresso. Hinter dieser Espressobohne aus Ruanda steht nicht nur geschmackliche Qualität, sondern ein sehr ambitioniertes und wichtiges Konzept:

Dieser Kaffee wird ausschließlich von ruandischen Frauen produziert, die sich in einer Kooperative zusammengetan haben und für mehr Gleichberechtigung und soziale Teilhabe kämpfen – in der männerdominierten Kaffeewelt und darüber hinaus.

Die Einnahmen aus dem Verkauf fließen direkt wieder zu diesen Frauen zurück und gehen unter anderem in die Verbesserung der Bildungs- und Lebenssituation vor Ort. Dieser Kaffee ist also ein exzellentes Beispiel für einen fairen „Direct Trade Deluxe“, der nicht nur von schönen Versprechungen lebt und die Preise künstlich hochschraubt.

Ich bin mir der Strukturen auch deswegen so sicher, weil ich die wichtigsten Beteiligten an diesem Projekt persönlich kennenlernen durfte: Da wäre zum einen die Namensgeberin Angelique Karekezi, Geschäftsführerin der Ruanda-Kooperative RWASHOSCCO, Leiterin der Rösterei in Ruanda und rundum starke Persönlichkeit.

Außerdem gibt es Xaver Kitzinger, Mitbegründer der Kaffeekooperative, die in Deutschland als Vertriebspartner für Angelique’s Finest auftrifft. Nun ist Xaver zwar ein Mann, aber er ist eben auch nur ein marktbezogenes Bindeglied in der Kette, die in den wichtigsten Säulen von Frauen getragen wird.

Den Angelique’s Finest Espresso für diesen Test hat uns Xaver bei unserem Besuch auf der World of Coffee 2019 mitgegeben – objektiv bleibe ich beim Kaffee natürlich trotzdem.

Falls ihr euch jetzt Sorgen macht: Würde der Kaffee vor lauter Empowerment-Bedeutung nicht schmecken, hätte ich keinen Test gemacht, sondern einen wohlwollenden Artikel über das System dahinter geschrieben und den Kaffee am Rande abgefrühstückt.

Aber ich persönlich halte den Angelique’s Finest Espresso für eine spritzig-moderne Kaffeeidee für den Alltag. Und von solchen Espressos kann man nie genug bekommen, oder?

Die Idee dahinter – der Grund für den Kauf?

Ich bin überzeugt, dass man den Espresso aus Ruanda auch ohne die Geschichte drumherum schätzen könnte. Aber die Geschichte drumherum liefert dann doch das größte Argument, warum dieser Espresso auch bei euch im Einkaufswagen landen sollte.

Diese Geschichte geht so: Angelique Karekezi aus Ruanda ist in der Kaffeeindustrie ihres Landes aufgewachsen und hat dort schon früh mitbekommen, dass Frauen in der ohnehin prekären Branche noch schlechter behandelt werden.

Gegen dieses Ungleichgewicht regt sich seit längerer Zeit Widerstand. Und Ruanda ist dabei ein nur scheinbar merkwürdiger Ausgangsort für derartige Bewegungen. Gut finde ich den eher nüchternen Zeit-Artikel „Ruanda: Ohne Frauen läuft hier nichts“, der euch einen Überblick gibt. Wichtig ist aber auch der engagierte Artikel „Kaffeeanbau in Ruanda“ der Kaffeekooperative.

Heute ist Angelique leitende Verwalterin von RWASHOSCCO, einem Zusammenschluss von sechs Kaffeekooperativen in Ruanda. Dort sind nicht nur Frauen beschäftigt, aber sie bilden eben einen großen Anteil der Arbeiterschaft, dem RWASHOSCCO eine Stimme verschaffen wollte. Und damit war Angelique’s Finest als Marke, Konzept und Inhalt geboren.

Barista Arne testet den LatteGo Espresso

Die Kaffeekooperativen sind ausschließlich im Besitz der Bauern und Angelique und ihre Mitstreiter versuchen, diesen Eigenbesitz in marktfähige Münze zu übersetzen und den Kaffee aus Ruanda weltweit stärker zu etablieren. Hier gibt es qualitätsbezogen immer noch viel Luft nach oben. Doch die Gelder aus den Einnahmen verschwinden eben nicht in den Taschen irgendwelcher Großhändler, sondern werden direkt vor Ort wieder in die Ausbildung und modernes Equipment investiert.

Die Kaffeekooperative in Deutschland wiederum ist das Bindeglied zu einem der wichtigsten europäischen Märkte für Kaffee. Xaver und das Team kümmern sich um den Vertrieb und suchen Regalflächen für den Ruandakaffee in Deutschland.

Diese Verzahnung funktioniert gerade deswegen, weil alle Beteiligten ein Gesicht haben, niemand Sinnloses die Vertriebskette blockiert und dabei Geld abschöpft. Außerdem ist sich jeder in der Lieferkette seiner Verantwortung bewusst. Hier werden also Direct Trade und Fairtrade (mit Siegel!) klug zusammengeführt und gelebt.

Die Mühe hat sich für Deutschland schonmal gelohnt: Angelique’s Finest gibt’s inzwischen im Onlinesortiment von dm, wo er nach Aussagen der Kaffeekooperative zu den beliebtesten Marken abseits der Eigenprodukte gehört.

Man arbeitet momentan daran, dass der Kaffee auch in den physischen Läden gelistet wird, was im Grunde dem Durchbruch gleichkäme. Schließlich stehen Drogerie und Supermarkt bei der Lebensmittelversorgung inzwischen immer gleichberechtigter in der Kundengunst.

Sollte dieser Coup gelingen, müssen sich Angelique, die Kaffeebäuerinnen und auch Xaver jedoch etwas einfallen lassen. Denn bisher werden die Kaffeebohnen direkt vor Ort in Ruanda angebaut, geerntet, aufbereitet und geröstet – erst dann werden sie von der Kaffeekooperative nach Deutschland importiert.

Das sorgt für das Manko, dass der Kaffee niemals knackfrisch bei euch ankommt – selbst, wenn ihr direkt im Onlineshop der Kaffeekooperative bestellt. Ein Minus, dessen sich auch die Macher bewusst sind. Deswegen arbeiten sie momentan daran, die Röstung nach Deutschland zu holen –selbstverständlich wieder in Frauenhand.

So oder so ist das Konzept bereits mehr als erfolgreich. Denn der Kaffee wird auf breiter Fläche von Terres des Femmes und der Zeitschrift Brigitte unterstützt. Und in jeder Hinsicht auch von Coffeeness.

Der Angelique’s Finest Espresso im Überblick

EintragWert
RösterRWASHOSCCO „Für: Kaffee-Kooperative.de“
NameAngelique’s Finest Espresso
Bohne100 % Arabica
HerkunftslandRuanda
Herkunftsortk.A.
HandelswegDirect Trade & Fairtrade
Varietätk.A.
Ernteverfahrenk.A.
Aufbereitungk.A.
Trocknungk.A.
Zubereitungsempfehlungk.A.
Röstdatumk.A.
MHD25.06.20
Füllmenge500 g
Preis pro kg in Euro27,90

Bei all der Konzentration auf das Empowerment wurde bei den Kaffee-Formalia auf der Packung ganz schön geschlampt. Hier fehlen praktisch alle wichtigen Angaben, die ihr euch woanders zusammensuchen müsst.

So handelt es sich laut dm-Website um die Varietät Bourbon. Diese Angabe fehlt aber auf der Kooperativenwebsite. Dort wird immerhin angegeben, dass der Kaffee für Siebträgermaschinen, Kaffeevollautomaten und die Herdkanne gedacht ist. Aufbereitung oder Ernteverfahren werden leider nicht explizit genannt. Nirgends.

Der Normalverbraucher mag das verschmerzen, dem die Unterteilung in Espresso oder (Filter-)Kaffee reicht. Ich finde aber, dass es wichtig ist, auch solche Kriterien zu erfüllen, um sich in jeder Hinsicht transparent zu machen und nicht als Gutes-Gewissen-Produkt abgestempelt zu werden.

Der Kaffee müsste als Fairtrade- und Direct Trade-Produkt auch ohne das stark personalisierte Marketing und das Prädikat „Female Empowerment“ neben anderen guten Produkten bestehen können. Und dafür braucht es Informationen.

Versprochen wird euch jedenfalls ein „Arabica-Hochlandkaffee“ mit „sanfter Süße, eine[m] Hauch Schokolade und eine[r] zarte[n] Zitrusnote. Klingt also nach einem Kaffee, der heute für viele Gaumen funktioniert.

Wie einige andere aktuelle Kaffees habe ich auch den Angelique’s Finest Espresso in der DeLonghi La Specialista Espressomaschine getestet, weil sie gerade aufgebaut und sowieso im Test war. Als Hybrid aus Vollautomat und Espressomaschine bedient sie fast alle Zubereitungsempfehlungen für diesen Kaffee.

Die Mahlmenge für den Espresso lag bei ungefähr 7 Gramm, der Mahlgrad stand bei 1 von 6, die Wassermenge betrug rund 30 ml. Druck und Temperatur hat die Maschine selbstständig geregelt.

Bohnenbild

Lasst uns mal kurz rechnen: Die übliche Faustregel, die viele Röster nutzen, lautet: Röstdatum = MHD – 12 Monate. Auf der Angelique-Packung ist das MHD mit 25.06.2020 angegeben. Die World of Coffee war am 06.06.2019. Der Kaffee wird in Ruanda geröstet und dann erst nach Deutschland gebracht … wann wurde diese Packung also geröstet? Und wie lautet hier die Formel?

Ich stelle dies nur zur Debatte, weil die Bohnen auf mich auf den ersten Blick etwas sehr trocken wirkten – definitiv noch nicht alt, aber schon länger am Leben. Auf den Fotos seht ihr auch ein paar Ungereimtheiten, was Farbe und Oberfläche betrifft.

Das wiederum verteilt sich aber so gleichmäßig auf alle Bohnen, dass man fast glauben könnte, das muss so. Doch es ändert nichts daran, dass die Röstung zwar offensichtlich mit Verstand, aber in diesem Fall nicht mit bedingungsloser Qualitätsexpertise erfolgt ist. Und der lange Weg hat den fertigen Bohnen auch nicht besonders gutgetan, wie ich finde.

Geruch

Wenn man den ganzen Testtag über nur Mistkaffee in der Maschine hatte, ist ein Duft, wie er aus der Packung Angelique’s Finest Espresso in meine Nase stieg, gleich nochmal so erfreulich. „Honigsüße Sommerwiese mit essbaren Blumen“ habe ich mir auf meinem Tasting-Zettel notiert. Es war heiß, ich hatte meinen Lyrischen. Lebt damit 😉.

Der Honig kommt jedenfalls klar als erster Duft in der Nase an, der rundherum von diesem blumigen-lieblichen Sommergeruch umschlossen ist. Solche Blumenakzente sind übrigens immer ein Hinweis darauf, dass im fertigen Kaffee Säure ein Thema sein wird. Blumennoten deuten aber auch daraufhin, dass diese Säure nicht fies und rumpelig, sondern elegant und gewollt ist.

Ich habe indes geschlagene zwei Tage gebraucht, bis ich endlich auf die besondere Note kam, die den Angelique-Kaffee sofort in mein Gedächtnis gebrannt hat: Die „Duftmitte“ besteht aus Amaretti – also Mandelgebäck mit Aprikosenkernen. Und zwar glasklar und lecker.

Geschmack und Säure

Wie es sich für einen waschechten „Ostafrikaner“ gehört, empfängt euch Angelique’s Finest Espresso mit einer vorwitzigen Säure, die aber weder erschlägt, noch kratzt, noch fies wird. Gerade bei den Temperaturen, die zum Testzeitpunkt herrschten, fand ich sie sogar ausnehmend erfrischend.

Darunter schwebte eine leicht „grüne“ Note, die von der Süße mit klarem Kakao-Einschlag sauber ausbalanciert wurde. Die Blumen des Duftes schlugen sich zwar leider nicht in fruchtigen Noten nieder, aber ich denke fast, das hätte den Geschmack am Ende erschlagen.

Körper & Mundgefühl

Der Espresso ist ein ausgewiesenes Leichtgewicht, der sich nicht so stark im Mund breitmacht wie andere Sorten. Ich mag das sehr, andere erwarten von ihren Espresso vielleicht kräftigere Ansagen. Der Körper ist daher auch eher mittel, die Kaffeeöle sind dezenter.

Hier muss ich ein bisschen dem Packungsaufdruck widersprechen, der „Strong Women. Strong Coffee“ propagiert. Starke Frauen stehen auf jeden Fall dahinter, der Kaffee selbst ist aber dann doch etwas zarter.

Abgang und Nachhall

„Strong“ sind aber auf alle Fälle Abgang und Nachhall. Und zwar im positiven Sinne. Zum Abschied winkt euch der Espresso noch einmal mit seiner Frische, während ihr noch lange nach dem letzten Schluck seine Anwesenheit direkt hinter dem Gaumen fühlt.

Dort kugelt er sich zu einem leckeren kleinen Ball zusammen, der sich gut und angenehm zu behaupten weiß. Erst da zeigt er außerdem ein typisches „Kaffeegesicht“, wird also schokoladiger und nussiger, ohne seine grüne Grundnote, die leicht mit Meersalz gewürzt scheint, zu verlieren.

Für wen ist der Angelique’s Espresso geeignet?

Witzigerweise hatte uns Xaver auf der World of Coffee gesagt, dass er extra für die Messe ein paar hellere Röstungen bei Angelique „bestellt“ hatte, um sich dem Geschmack der Community anzupassen.

Meine Überzeugung ist, dass sie gerade mit dieser helleren Tendenz ihre „Nische“ als Social Product mit Message verlassen und sich in der Speciality Coffee-Szene mit klarem Blick für den Otto Normalverbraucher positionieren könnten.

Oder anders gesagt: Der Angelique’s Finest ist in seiner mir vorliegenden Form nicht einfach nur ein x-beliebiger Espresso, sondern ein schnuckeliger, geradezu selbstbewusst leichter Einstieg in den Third Wave-Stil, der aber nicht vergisst, dass er Leute anspricht, die Kaffee bei dm kaufen.

Er funktioniert wunderbar als Alltagskaffee und auch als Sommerröstung. Er könnte Leute vom ostafrikanischen Stil überzeugen, die sonst davor zurückschrecken. Female Empowerment in Großbuchstaben gibt’s noch obendrauf.

Fazit zum Angelique’s Finest Espresso Test

Ich wünsche allen Personen, die an diesem Kaffeeprojekt beteiligt sind, mit ihrer Idee ausnehmend viel Erfolg. Denn sie bieten nicht nur eine Möglichkeit, die Kaffeewelt als Verbraucher etwas gerechter zu machen. Sie bieten auch leckeren Kaffee.

Ich persönlich glaube, dass es noch Verbesserungsmöglichkeiten bei den Produktionsstrukturen gibt, an denen jedoch gerade schon gearbeitet wird. Und ich glaube auch, dass es wichtig ist, die Kaffee-Formalitäten einzuhalten, wenn man sich nicht nur an Käufer mit moralischem Kompass richten will.

Wer von euch hat den Kaffee schon probiert? Hinterlasst gerne einen Kommentar!

Ich freue mich über deinen Kommentar