Fortezza Länderkaffee Indien im Test: Eine Tüte Ratlosigkeit

Ich bin Arne Preuß und kämpfe für mehr hochwertigen Kaffee.

Man darf uns Kaffee-Bloggern mit Recht vorwerfen, dass wir mit Urteilen über Kaffeebohnen oder Gerätschaften schnell zur Stelle sind und zickig auf einzelnen Problemen rumreiten, die im Gesamttest vielleicht gar nicht so wichtig sind.

Man darf uns Kaffee-Bloggern mit Recht vorwerfen, dass wir mit Urteilen über Kaffeebohnen oder Gerätschaften schnell zur Stelle sind und zickig auf einzelnen Problemen rumreiten, die im Gesamttest vielleicht gar nicht so wichtig sind.

Und wie jeder Rezensent lieben wir Texte, bei denen wir auf den Untersuchungsgegenstand genüsslich einschlagen können. Verrisse werden gern gelesen und gern geschrieben. Dennoch ist es natürlich meine oberste Aufgabe, bei jedem Kaffeebohnen Test einer anspruchsvollen Rösterei fair zu bleiben.

Darum habe ich um den Fortezza Länderkaffee Indien auch mehr Test-Gewese gemacht, als ich normalerweise aufbringe. Das liegt einerseits daran, dass ich meine harten Urteile über die Bohnen an sich möglichst genau belegen und nachvollziehbar machen wollte.

Andererseits ließ mich der Geschmackstest ziemlich ratlos zurück. Ich konnte einfach nicht festnageln, wonach diese Röstung aus Fürth nun eigentlich schmecken soll. Nach den auf der Website versprochenen Noten tat sie es jedenfalls nicht.

Gerade bei diesem Test habe ich mich ein wenig von den Auszeichnungen blenden lassen – sonst hätte ich schon viel früher aufgegeben. Für die Rösterei Fortezza gab es 2014 eine Auszeichnung vom Magazin „Der Feinschmecker“. Nun ist 2014 nicht 2019 und eine Packung Kaffee nicht die ganze Rösterei. Aber auch für den Inder selbst gab es 2016 die Goldmedaille der deutschen Röstergilde.

Ich glaube (hoffe) daher, dass ich mit meiner Packung Pech hatte. Naturprodukt bleibt nun einmal Naturprodukt. Aber die offensichtlichen Fehler hätte man bei der Qualitätskontrolle trotzdem sehen müssen.

Dennoch habe ich mir Mühe gegeben und den Kaffee in mehreren Anläufen an mehreren Tagen gebrüht und verkostet. Gebracht hat es aber nichts. Zumindest nicht eindeutig.

Der Fortezza Länderkaffee Indien im Überblick

EintragWert
RösterFortezza
NameLänderkaffee Indien
Bohne100 % Arabica
HerkunftslandIndien
HerkunftsortRegion Karnataka, Kathlekhan Estate
Handelswegk.A.
VarietätS-795, Kent
ErnteverfahrenHandgepflückt
AufbereitungGewaschen
ZubereitungsempfehlungHandfilter, French Press, Vollautomat
Röstdatum angegebenNein
Füllmenge250 g
Preis pro kg in Euro31,60

Vielleicht geht es euch auch so, dass euer Blick in der Datentabelle zuallererst an der „Seriennummer“ S-795 hängen bleibt. Das klingt ausnehmend technisch und tatsächlich ist die so beschriebene Arabica-Varietät vor allem dafür bekannt, die erste Weiterentwicklung zu sein, die gegen Kaffeerost resistent ist.

Kaffeerost sieht exakt so aus, wie er heißt: Der Pilz überzieht die Kaffeepflanzen mit einem roten Belag und killt im Ernstfall eine ganze Ernte. Für uns ist erst einmal interessant, dass S-795 in Indien „entwickelt“ (also gezüchtet) wurde und dort auch am weitesten verbreitet ist.

Es ist also nur folgerichtig, dass diese Varietät im Länderkaffee Indien der Fortezza Rösterei aus Fürth landet. Die Ausrichtung schlägt sich auch mit der zweiten Sorte Kent nieder, die ebenfalls typisch indisch ist und sich aus der „Ursprungs-Arabica Typica“ entwickelt hat.

Die Rösterei ist in Familienhand und seit 1920 im Röstgeschäft. Wie der Name schon vermuten lässt, liegt der Schwerpunkt auf Espresso mit italienischem Einschlag – also kräftiger und traditioneller.

Mit ein bisschen Suchen in der Selbstdarstellung habe ich erfahren, dass die Langguths „ausschließlich Rohkaffees bester Qualität, die unter fairen Bedingungen erzeugt und geerntet wurden“ verarbeiten. Außerdem – so schließe ich weiter aus den Ausführungen – bestehen enge persönliche Verbindungen nach Indien, sodass die Möglichkeit besteht, dass es sich beim Länderkaffee Indien um ein Direct-Trade-Produkt handelt.

Auf der Packung gibt es dazu aber keine Angaben. Der Länderkaffee Indien fällt ob all der Espresso-Expertise zwar ein wenig aus dem Rahmen, aber die Besitzer legen Wert darauf, dass sie nicht nur den italienischen Stil fahren.

Die Zubereitungsempfehlung deutet darauf hin, dass wir es hier mit einem Allrounder zu tun bekommen könnten. Inder sind meist sehr säurearm, bestechen aber durch Würze und ein großes Aromenspektrum. Das könnte natürlich in allen Kaffeevarianten und Zubereitungsmethoden hervorragend funktionieren.

Wie es meine Gewohnheit ist, habe ich für den eigentlichen Test den Handfilter genommen. Und danach noch einmal die French Press. Später hatte ich die Schnauze voll und habe den Fortezza sogar nochmal in den Vollautomaten getan, um mich meiner Eindrücke zu vergewissern.

Aber bis es soweit war, galten erst einmal folgende grundsätzliche Bedingungen:

  • Handfilter Hario V60 mit passendem Papier (ausgespült)
  • 6 g Kaffeemehl pro 100 ml Wasser (später 7g)
  • Mittelfeiner Mahlgrad
  • Wassertemperatur rund 96 Grad Celsius
  • Kurze Blooming-Phase (Mehl leicht angießen)
  • Wasser in kreisenden Bewegungen langsam (!) aufgießen

Bohnenbild

Den weitaus größten Teil meiner Foto-Session habe ich damit verbracht, „Bildbeweise“ zum Bohnenbild zu sammeln. Was angesichts der Größen- und Lichtverhältnisse übrigens gar nicht so einfach ist.

Schon beim ersten Öffnen der Packung fielen mir nämlich gleich mehrere Dinge unangenehm auf: Die Bohnen hatten untereinander eine sehr unterschiedliche Farbe und waren selbst teilweise ausnehmend fleckig und unregelmäßig gefärbt. Doch am problematischsten war für mich, dass die gesamte Bande ausnehmend alt ausgesehen hat.

Die Oberfläche war über das richtige Maß für Filterkaffee hinaus stumpf, die Haptik pergamentartig und beim Schütteln klangen die Bohnen wie uraltes, trockenes Laub. Auch war die Oberfläche teilweise runzeliger und brüchiger als meine Stirn beim Denken.

Außerdem fühlten sie sich zu leicht an. Zum Abgleich habe ich sogar noch eine Handvoll meiner aktuellen „Privat-Bohnen“ dagegen gehalten, die ich wahnsinnig gern trinke – der Gewichtsunterschied war auch ohne Waage spürbar.

Da kein Röstdatum angegeben war, konnte ich nur vom MHD (April 2020) zurückrechnend darauf hoffen, dass die Röstung im April 2019 erfolgte. Eigentlich sollten die Bohnen also frischer wirken. Was da schiefgelaufen sein könnte, vermag ich nicht zu sagen.

Die Flecken sind aber unübersehbar und ein Zeichen für Fehler oder Probleme bei der Röstung. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Geruch

Der Geruch ließ leider kaum etwas von den versprochenen Nuss-Schoko-Karamell-Noten erahnen. Vielmehr gab es eine klare Getreide-Note, die von einer durchaus lieblich-frischen Grundwürze unterstützt wurde. Das Ganze war aber so schwach auf der Brust, dass ich schon wieder den Verdacht hegte, der Kaffee könnte ein paar Monate zu viel auf dem Buckel haben.

Auch nach dem Mahlen änderte sich nichts an diesem Eindruck – doch wenigstens kam nun Süße zum Tragen, die man mit viel gutem Willen als Karamell interpretieren kann.

Der fertig gekochte Kaffee hatte eher spritzige Kopfnoten, ein wenig Würze stieg mir auch in die Nase. Das war jedoch auch hier schon alles.

Geschmack und Säure

Eines muss ich zugeben: Selbst nach der dritten und vierten Version des Fortezza Länderkaffee Indien war ich von ihm nicht genervt. Wollte ich fies sein, würde ich behaupten, dass das am durchscheinenden Geschmacksprofil lag, das der Zunge einfach keine Impulse lieferte.

Weniger fies könnte ich aber auch sagen, dass sich die Rösterei bei ihren Geschmacksnotizen vertan hat und eigentlich „Zarte Würze, leichte Spritzigkeit und zurückhaltende Präsenz“ schreiben wollte. Die versprochene Säurearmut war auf jeden Fall erfüllt, der Kaffee eine sehr milde und magenfreundliche Angelegenheit (nur mein Eindruck, kein Gesundheitsversprechen!).

Witzigerweise hätte diesem Stil aber gerade etwas mehr Säure gutgetan, dann hätten die Würze-Anklänge, von denen ich merkte, dass sie immer unter der Oberfläche warteten, vielleicht ihren großen Auftritt gehabt. Aber wir trinken Kaffee schließlich nicht im Konjunktiv.

Körper & Mundgefühl

Dieser Eindruck schließt sich nahtlos an den Geschmack an: Wer Wucht und Vorlautes erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht. Körperreich ist hier praktisch nichts. Aber ich muss ebenso sagen, dass ich das leicht cremige Mundgefühl mochte. Nur angesichts all der anderen Versäumnisse reicht das wohl kaum aus.

Abgang und Nachhall

Auch hier konnte sich der Fortezza Länderkaffee Indien nicht hervortun. Grundsätzlich rauschte er durch den Mund wie ein ICE durch Wolfsburg – ohne nennenswerte Spuren. Dann wieder gab es leichte geschmackliche Widerhaken im Rachen, die den Kaffee etwas länger im Gedächtnis verankerten. Dies war nicht unangenehm, sondern vielmehr das Einzige, was dem Kaffee echten Charakter verliehen hat.

Für wen ist der Fortezza Länderkaffee Indien geeignet?

Es gibt nichts zu beschönigen: Der Fortezza Länderkaffee Indien ist bei mir durchgefallen. Irgendwo in der Produktionskette hat es einen Fehler gegeben, der das Endprodukt in der Tasse platt gemacht hat – was Geschmack und Präsenz betrifft, sogar wortwörtlich.

Ich glaube immer noch daran, dass dieser Kaffee durchaus funktionieren könnte, die Fundamente sind unverkennbar da. Sie haben sich nur größtenteils vom Acker gemacht oder wurden nicht herausgekitzelt.

Einen so groben Schnitzer muss man einer so hochdekorierten Rösterei aber dennoch ankreiden. Denn wenn es mir passiert, kann es auch „normalen Kunden“ passieren. Mich interessiert deswegen hier umso mehr, ob ihr den Kaffee kennt und ob ihr vielleicht andere Erfahrungen gesammelt habt. Hinterlasst gerne einen Kommentar!

Ich freue mich über deinen Kommentar

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