Was ist eine Goldmedaille der Röstergilde wert?

Was ist die deutsche Röstergilde? Gilde klingt irgendwie recht antiquiert. Deswegen habe ich mal nachgelesen wo der Begriff herkommt. Irgendwie muss ich an das Mittelalter und World of Warcraft denken.

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Was ist die deutsche Röstergilde?

Gilde klingt irgendwie recht antiquiert. Deswegen habe ich mal nachgelesen wo der Begriff herkommt. Irgendwie muss ich an das Mittelalter und World of Warcraft denken.

Die deutsche Röstergilde ist ein Verein, in dem sich einige der deutschen Kaffeeröster organisieren.

Gilde? Computerspiel oder Mittelalter?

Wikipedia hilft und gibt unterhaltsame Antworten:

Eine Gilde (von altnordisch gildi „Genossenschaft“, „Trinkgelage“) im engeren Sinne war im Mittelalter ein selbstnütziger und durch einen Schwur besiegelter Zusammenschluss von Kaufleuten (Patriziern) einer Stadt oder einer Gruppe fahrender Händler zum Schutz und zur Förderung gemeinsamer Interessen. (Wiki -Gilde).

Ich muss zugeben, der Name und das erzeugte Bild treffen zunächst nicht meinen Geschmack. Aber wenn ich lange drüber nachdenke, ist er auch nicht so schlimm. Irgendwie gibt er schon einen schönen Kontrast zu der doch ziemlich von Anglizismen durchzogenen „Qualitäts-Kaffee Gemeinde“. Es muss nicht immer alles englisch sein. Es gibt antiquierte Begriffe, die neu gefüllt und reanimiert werden wollen. Ok, geschenkt – mit Gilde kann ich leben.

Einigung auf Standards — Gilde vs. Industrieröster

Die deutsche Röstergilde hat sich auf gemeinsame Standards geeinigt.

  • Herausragende Qualität des Rohkaffees
  • Fairness
  • Traditionelle Langzeitröstung

  • Gesundheitsbewusstsein
  • Frische

Die Gilde hat das Ziel:

Kaffee als wertvolles Genussmittel mit all seinen Facetten, in höchster Qualität, gerecht gehandelt und transparent vom Ursprung bis zur Tasse, den Verbrauchern zu vermitteln. Mehr dazu auf deutsche-roestergilde.de.

Damit positioniert sich die Röstergilde im Qualitätsbereich. Und gegen Industrieerzeugnisse. Es gibt Vorgaben, wie Beispielsweise „reine Luftkühlung“. Das bedeutet, dass nach der Röstung der Kaffee mit kalter Luft abgekühlt wird. Es gibt auch ein Verfahren, bei dem Wasserdampf genutzt wird. Das wird gerne in der Industrie gemacht, denn hierbei wird der Wasseranteil im Kaffee wieder erhöht. Wie schön. Das Gewicht erhöht sich mit, die Marge steigt.

Das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz macht Vorgaben darüber, was als Kaffee verkauft werden darf und was nicht. Es gibt eine „Verordnung über Kaffee, Kaffee- und Zichorien-Extrakte“. Wer dort ein wenig stöbert findet Anlage (zu § 1 und § 2) Bezeichnungen und Begriffsbestimmungen:

Röstkaffee, Kaffee: gerösteter Rohkaffee, ungemahlen oder gemahlen, mit einem Wassergehalt von höchstens 50 Gramm in einem Kilogramm.

Hier noch mal der Link zum PDF für alle, die auf Gesetzestexte stehen.

Es darf nicht mehr als 5% Wasser im Kaffee sein. Bei einem wie von der Röstergilde vorgegebenen Rösten wird deutlich weniger Wasser enthalten sein. Deswegen sind die Standards hier deutlich höher als beim Gesetzgeber. Was glaubt ihr, wie viel Prozent Wasser ist in den meisten Supermarktkaffees zu finden? Genau – Genau 5%.

Das ganze wird noch fieser, wenn man es mit den Vorgaben für Giftstoffe durchspielt.

Das sind alles Dinge, die ich bei der Röstergilde toll finde! Aber genau wie bei Bio und Fairtrade bedeutet das nicht, dass eine Rösterei, nur weil sie kein Zertifikat (keine Mitgliedschaft) hat, nicht die gleichen Standards einhält.

Soll ich jetzt nur bei einem Röstergilde-Mitglied kaufen?

Die Antwort ist klar, ja – aber nicht nur!

Ich kenne tolle Röster, die in der Röstergilde organisiert sind. Ich habe schon vor Jahren gerne Kaffees von langen-kaffee.de vorgestellt. Dabei handelt es sich sogar um eines der Gründungsmitglieder. Dort hatte ich auch immer das Gefühl, dass gerne und aus Leidenschaft über Kaffee gesprochen wird.

Es gibt aber auch das eine oder andere Mitglied, das sich nicht so schnell (wieder) auf meinem Einkaufszettel finden wird.

Es kommt immer ein wenig auf den Blickwinkel an. Wenn du noch Supermarkt-Kaffee kaufst, verbesserst du dich mit Kaffees aus der Röstergilde wahrscheinlich deutlich. Wenn du aber schon eine Rösterei deines Vertrauens gefunden hast, solltest du getrost auf eine Mitgliedschaft, ein Zertifikat oder eine Medaille verzichten.

Ich schaue mir immer die Webseiten an und versuche ein wenig über den angebotenen Kaffee zu lesen. Ein Röster, der Kopi Luwak im Angebot hat ist raus.

Ich kenne auch viele sehr gute Röstereien, die nicht in die Röstergilde eintreten werden. Die sagen meistens, sie haben nichts gegen die Gilde, aber sie sei doch irgendwie zu deutsch und zu männlich. Außerdem wolle man sich bei den Vorgaben zur Röstung nicht einschränken lassen.

Ich schreibe diesen Artikel, weil ich sehr oft von Lesern und Leserinnen nach Röstergilde-Kaffees gefragt werde. Ich habe gerade überlegt, in meinen Top 10 der Röster, bei denen ich gerne bestelle, ist einer aus der Röstergilde.

Gold – oder es kann nur Einen geben

Ich gebe zu, ich bin großer Highlander Fan, auch wenn der Film recht in die Jahre gekommen ist. Der Queen Song „Who Wants To Live Forever“ hat den Gänsehautfaktor.

Medaillen kenne ich vom Sport.

  • Gold erster Platz
  • Silber zweiter Platz
  • Bronze dritter Platz

Es gibt unterschiedliche Disziplinen und die super erfolgreichen Sportler oder Sportlerinnen holen auch mal mehr Medaillen. Weil sie gut 400 und 800 Meter laufen können. Wer Gold gewonnen hat, ist der Beste in seiner oder die Beste in ihrer Disziplin.

Jetzt geht es hier aber nicht um Sport sondern um Kaffee und Espresso. Aber es geht immer noch um das Bild der Medaille. Denn auch die Deutsche Röstergilde vergibt welche. Nur an zahlende Mitglieder. Eine Gilde kostet Geld, das hat auch alles seine Richtigkeit.

Ich habe direkt vom Bild der Medaillen angenommen, dass der Kaffee der Gold 2015 bekommen hat, auch der Gewinner des Wettbewerbs ist. Dann sind mir aber mehrere Medaillen aus einem Jahr in dieser Kategorie zu Gesicht gekommen. Es gibt auch immer so schöne PDF Zertifikate dazu.

Das hat eine Dissonanz in meinem Kopf ausgelöst. Ich begann zu recherchieren.

Auf der Medaille ist von dem „Verkostungs-Wettbewerb“ die Rede. Ich bin mir nicht sicher, aber in einem Wettbewerb müssten die Bewertungen und Ergebnisse doch in einem Verhältnis zueinander stehen. Für mich ist Wettbewerb ein anderes Wort für Wettkampf oder Wettstreit. Zusammen mit dem „Gold“ war ich mir sicher, dieses würde einen Gewinner auszeichnen.

Jetzt habe ich auf der Röstergilder-Seite geschaut und dort wird alles transparent aufgearbeitet. Das ist natürlich gut.

Ich beziehe mich im Weiteren auf die genannten Zahlen aus der „Auszeichnungsrunde 2015“, weil in diesem Artikel die Informationsdichte etwas besser ist als in der 2016 Version. Dort ist nur die Rede von „unzähligen Kaffees“, die teilgenommen haben. Im Bericht von 2015 gibt es ein paar Zahlen mehr.

2015 traten insgesamt 75 Filterkaffees und 75 Espressoröstungen an. Mitmachen dürfen nur Mitglieder. Laut Angaben der Gilde waren 80 Kaffeeröster vertreten.

Espresso Wettbewerb:

  • 53 mal Gold
  • 19 mal Silber
  • 4 mal Bronze

Also bei 75 Espressos im Wettbewerb  76 Medaillen

Kaffee Wettbewerb:

  • 42 mal Gold
  • 31 mal Silber
  • 2 mal Bronze

Also bei 75 Kaffeebohnen im Wettbewerb  75 Medaillen

Ok, es gibt einen Zahlendreher – das kann passieren.

Aber auch wenn es nicht mehr Medaillen als Bohnen gibt, bekommen anscheinend 100% der Teilnehmer eine Medaille pro Kategorie.

  • Die rein rechnerische Wahrscheinlichkeit in 2015 eine Gold Medaille im Bereich Espresso zu bekommen liegt bei 70,6%.
  • Die rein rechnerische Wahrscheinlichkeit in 2015 eine Gold Medaille im Bereich Kaffee zu bekommen liegt bei 56%.

Ich berufe mich hier komplett auf Angaben der Deutsche Röstgilde auf ihrer Seite. Stand 16.05.2016. Den Artikel könnt ihr hier finden.

Fazit

Ich habe überhaupt nichts gegen die Röstergilde, Zusammenschlüsse von Kaffeeröstern sind eine gute Sache. Gerade um der Großindustrie etwas entgegenzusetzen.

Die selbst auferlegten Ziele sind

  • Qualität
  • Gesundheitsbewusstsein

  • Fairness und Nachhaltigkeit
  • Transparenz

Transparenz ist insofern erreicht, als dass ich diese Zahlen, als es mich interessiert hat (zumindest für 2015) gefunden habe – das ist sehr gut.

Die Bezeichnung als „Verkostungs-Wettbewerb“ im Zusammenhang mit der Gold, Silber und Bronze Nomenklatur finde ich hingegen irreführend.

Sicher wäre eine Bezeichnung wie Exzellent, Sehr gut und Gut passender, weil diese keine Hierarchie der Ergebnis suggerieren würde.

Bin ich kleinlich? Was sagt ihr dazu?

5 Kommentare

    Hello,
    Sorry to answer in english but to difficultnin german.

    Sometine, Experience speaks more than theory. My friend name it learning by burning. LBB.

    I have been in to Coffee roster and bought Several coffee there and one of Them is having a gold medal. Espresso. Reason why I wanted to understand the pont behind the gold medal.

    To make it short, even with milk, it is not good. Over roasted, poor aroma, very acide, not the good Acide one that comes with aroma.

    Many coffee in supermarket are better than this.

    So, definitely, these medals means nothing.

    In the story, I have learned that I should trust my nose by burning 30€!

    Antworten
    Arne

    Hello Vincent,

    thanks for your comment. No problem :). Well that’s true. If a coffee’s not good then a medal will not make it better ;). Greetings Team Coffeeness

    Antworten

    Hi Arne

    Erst einmal hallo und herzliches Kompliment zu Deinen Recherchen.
    Ich bin der Meinung das es den handwerklichen Kaffeeröstern nur guttun kann sich zu Organisieren, allerdings ist die Medaillenvergabe im Sinne eines Wettbewerbs bei der Röstgilde wirklich verfehlt.

    Ein bisschen peinlich für die, die sich damit wissentlich schmücken.
    Ob die Goldmedaille der Röstgilde auf die Dauer als Marketingwerkzeug funktioniert wird sich gegebenenfalls zeigen. Jedenfalls spricht es nicht für die „Gilde“, wenn alle teilnehmenden Mitglieder auch gleichzeitig Medaillenträger sind.

    Ich bin ebenfalls der Meinung, dass dies auch ihr Zertifikationssiegel in Frage stellt. Vielleicht ist das auch einmal Thema deines Blogs.

    Jedenfalls schön, das dies mal jemand veröffentlicht hat.

    Gruß
    Tim

    Antworten

    Hallo Arne,

    vielen Dank für diesen informativen Artikel.

    Ich habe bislang noch nicht so genau drauf geachtet, ob die Rösterei in der Gilde organisiert ist oder nicht, von der ich den Kaffee beziehe. Die Standards finde ich aber gut.

    Am Ende entscheidet für mich aber der Geschmack und die Qualität und nicht, ob ein Siegel drauf ist oder nicht.

    Viele Grüße,
    Meike

    Antworten

    Tja,“ Schutz und Förderung eigener Interessen“, so steht es geschrieben. Wenn ich als Gildemitglied keine Medaille bekomme ist das nicht förderlich und dann habe ich kein Interesse mehr an der Gilde. Also lieber ein bisschen Medaillenregen und alle bleiben dabei.
    Vom Gefühl bedeutet das Wort Gilde für mich immer Tradition, Handwerk, Weitergabe von Wissen, Förderung und Entwicklung. Das gegebene Wort auf Geheimhaltung hatte Wert. All das klingt schön und erstrebenswert. Ich finde man sollte das nicht verwässern nur um sich Gilde nennen zu können. Auch wenn es sehr deutsch oder männlich ist. Ich mag die Werte.

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