Vorurteile und 8 Mythen zu Kaffeevollautomaten

Moin! Ich bin Arne. Nach einigen Jahren als Barista habe ich mich einer Mission verschrieben: mehr guten Kaffee unter die Leute zu bringen. Dafür stellen mein Team und ich eine breite Wissensbasis zum Thema Kaffee für euch bereit.

Wie wir testen | Unser Team

Kaffeevollautomaten sind von Vorurteilen belastet und daher umstritten. Es gibt zwei Extreme in ihrer Beurteilung.

Kaffeevollautomaten sind von Vorurteilen belastet und daher umstritten. Es gibt zwei Extreme in ihrer Beurteilung.

Befürworter vs. Kritiker

  1. Vollautomaten sind Alleskönner auf Knopfdruck.
    Der elektrische Barista, der in der Küche zu jedem Zeitpunkt für dich breit steht. Kaffeevollautomaten vereinfachen die Kaffeezubereitung, und verbessern das Leben. Was muss ich machen? Espressobohnen rein kippen, dann laufen sie wie von alleine. Sie reinigen sich sogar von selbst. Außerdem sind sie langlebig und verschönern jede Küche.

  2. Kaffeevollautomaten können alles, aber nichts richtig.
    Sie machen einen wässrigen Espresso und schlechten Kaffee.

  3. Sie verbrauchen von allem viel: Strom, Platz und Kaffeebohnen. Außerdem können sie nicht gut geputzt werden. Sie schimmeln und verteilen Bakterien in den Getränken. Wer echten Espresso will, braucht einen Siebträger.
    Diese Typen des extremen „Siebträgerismus“ finden sich auch im Netz.

Es handelt sich um ein emotionales Thema. In Foren mit Schwerpunkt auf Siebträgermaschinen werden auch gerne frische Kaffeevollautomatinteressenten teilweise hart angegangen. Sie seien hier falsch, hätten keinen Geschmack und sie sollten mal die Forensuche nutzen; um zu sehen, wie andere, die auch so blöd nach Vollautomaten gefragt haben, ebenfalls rausgetrollt wurden. Irgendwie illustriert deutsche Forenkultur sehr schön das Sterben dieser Foren. Klar, es gibt Ausnahmen und engagierte Mitglieder und Moderatoren und Wissensschätze in Foren. Vermissen werde ich die meisten trotzdem nicht.

Mythos 1: Kaffeevollautomaten machen keinen richtigen Espresso

Ich finde über dieses Vorurteil lässt sich gut streiten. Klar, ein Espresso kommt aus einer Espressomaschine. Aber kommt er auch aus einem Vollautomaten?

Was ist nötig?

  • Druck

  • Feiner Kaffee

  • Espressobohnen

  • ca. 25 ml Espresso

Vollautomaten haben oft einen angegebenen, maximalen Pumpendruck von 15 oder 17 Bar. Für die Zubereitung eines Espressos reichen 9 Bar aus. Nur ist der theoretische Druck nicht der tatsächliche in der Brühgruppe. Ich habe oft gelesen, dass die Brühgruppen aus Kunststoff zu fragil seien, um den Druck auszuhalten.

Ich glaube die Schwachstelle liegt an einer anderen Stelle: Der Mahlgrad ist im Vergleich zur Einstellung von Kaffeemühlen für Siebträger gröber. Das liegt an einem mechanischen Problem. Bei sehr feinem Mahlgrad und hoher Verdichtung muss der Puck aus einem Siebträger rausgeschlagen werden. Das haben sicher einige von euch schon gemacht oder zumindest gesehen.

Damit haben Kaffeevollautomaten ein Problem: es besteht die Gefahr, dass die Brühgruppe verstopft. Deswegen wird auf einen groben Mahlgrad ausgewichen. Das ist insbesondere bei Vollautomaten ohne herausnehmbare Brühgruppe der Fall – hier führt ein Verstopfen zum direkten Defekt und einer Reklamation. Als Marken sind hier Krups und Jura zu nennen.

Aber auch Kaffeevollautomaten mit entnehmbarer Brühgruppe sind betroffen. Die günstigsten Modelle von DeLonghi können für die feinsten Mahlgrade nicht genügend Druck aufbauen, um den Espresso durchzudrücken. Es muss auf einen gröberen Mahlgrad ausgewichen werden.

Aber es gibt zwischen den Modellen und Preisklassen große Unterschiede.

Kaffeevollautomaten mahlen durchschnittlich gröber als das, was ein Siebträger an Mahlgrad benötigen würde. Dafür wird oft eine größere Kaffeepulvermenge genutzt. Im Vergleich zum Siebträger unterextrahiert der Espresso ein wenig im Vollautomaten. Oft ist die Bezugszeit zu kurz.

Außerdem sind bei vielen Automaten die Werkseinstellungen für einen „Espresso“ oft absolut nicht zu gebrauchen. Das hat sicher auch zu der Meinung des zweiten kritischen Typen (oben beschrieben) beigetragen. Oft sind für einen einfachen Espresso 40 ml programmiert. Wenn ich 40 ml aus der Kaffeepulvermenge für einen einfachen Espresso beziehe, wird es auch in einem Siebträger kein Espresso.

Deswegen gilt – es müssen die richtigen Einstellungen gefunden werden. In unserem Coffeeness Kaffeevollautomat Test vergleichen wir verschiedene Kaffeevollautomaten untereinander – besonderen Wert lege ich auf die Einstellung des Espressos.

Die Einstellung der Maschine zusammen mit den richtigen Espressobohnen ist entscheidend. Ich spreche auch oft von einem VA-Espresso, weil er sich durchschnittlich ein wenig in der Struktur von einem Espresso aus dem Siebträger unterscheidet.

Skizze Aufbau eines Espressos aus Siebtraegermaschine und Kaffeevollautomat als Vergleich

Ich persönlich finde es aber gerechtfertigt von einem Espresso zu sprechen. Nach einigen Einstellungen an vielen Kaffeevollautomaten, sind mir Ergebnisse gelungen, die sicher auch den einen oder anderen Kritiker überzeugen könnten.

Melitta Caffeo Barista Kaffeevollautomaten Espresso

Die Deutungshoheit, was ein Espresso ist, lag und liegt bei Siebträgernutzern (bin ich ja auch). Ich versuche daher einen erweiterten Begriff des Espressos einzuführen:

Bei „Espressokochern“ ist das nochmal was anderes.

Die kochen keinen Espresso, sondern Kaffee! Aber ich finde auch, dass alles aus dem Chemex, der French Press und dem Handfilter, Kaffee ist – aber genau wie beim Siebträger und Kaffeevollautomaten und ihren Espressos mit unterschiedlicher Struktur.

Mythos 2: Kaffeevollautomaten gehen schnell kaputt

In einem Kaffeevollautomat steckt viel Technik – deswegen kann auch viel kaputt gehen. Eine plausible These. Meine Erfahrung ist eine andere. Wer seinen Kaffeevollautomat gut pflegt, reinigt und vor allem regelmäßig entkalkt – kann auf ein langes Leben seines Automaten hoffen.

Ich werfe jetzt einfach mal ohne jeden Beweis mit Zahlen um mich. Ich würde schätzen, dass über 80% aller Kaffeevollautomaten-Defekte vermeidbar gewesen wären. Die meisten Defekte gehen auf die Rechnung von Nichtentkalken oder dem Entkalken mit zu aggressiven Reinigern.

Selbst bei den günstigen Automaten von DeLonghi traut sich der Hersteller eine Garantie von „2 + 12 Markenmehrwert“ zu geben. Das dritte Jahr gibt es bei der Online-Registrierung. Klar, ein Vollautomat soll länger leben als drei Jahre, aber diese Garantiezeit ist schon ein Indiz.

Relativ zum Preis ist die Qualität der meisten Vollautomaten, dank hoher Auflagen, recht groß.

Generell davon zu sprechen, dass Vollautomaten schnell kaputt gehen ist auf jeden Fall nicht richtig und somit ein falsches Vorurteil.

Mythos 3: Kaffeevollautomaten verschimmeln

Es gibt im Fernsehen immer mal wieder eine Horror-Reportage über Kaffeevollautomaten, wo sich innen schon ein eigenes Biotop entwickelt hat. Dort werden Menschen interviewt, die die Geräte reparieren. Ich glaube sofort, dass dabei krasse Fälle sind. Die Geräte, die einwandfrei funktionieren, kommen aber natürlich nicht in eine Werkstatt.

Ich glaube, es zählt das gleiche wie beim vorherigen Punkt. Gutes und kompetentes Reinigen hilft, das hat auch unser Langzeit-Test ergeben. Empfehlenswert sind Vollautomaten mit entnehmbarer Brühgruppe, wie du auch unserem Schimmeltest-Video entnehmen kannst. Es sollte regelmäßig und oft geputzt werden. Die Teile sollten durchtrocknen. Vor einem Urlaub sollte alles geputzt und einzeln weggepackt werden, damit an alle Teile Luft kommt und kein Kondenswasser in der Maschine ist.

Melitta Avanza 600 Kaffeevollautomat Bruehgruppe

Wer das macht, hat keinen Schimmel zu befürchten.

Mythos 4: Kaffeevollautomaten sind ein No-Go für Kaffeeliebhaber

Wie anfangs beschrieben, gibt es zu diesem Thema viele Emotionen. Sicher, für einen eingefleischten Fan und Siebträger-Liebhaber bietet ein Kaffeevollautomat auf den ersten Blick wenig Anreize.

Aber:

  • Es macht auch unglaublich viel Spaß aus einem Vollautomaten das Bestmögliche herauszuholen. Am Mahlgrad, den Einstellungen und Kalibrierungen zu spielen. Ein Tandem zu fahren macht auch Spaß, obwohl ein Rennrad auf einigen Ebenen besser funktioniert.

  • Das bringt mich zu Familien und kleinen Büros. Ich habe schon oft erlebt, dass dort Siebträger ein trauriges Dasein fristen. Oft gibt es einen Ambitionierten, der für die Anschaffung des Gerätes zuständig war. Alle anderen trauen sich nicht an das Gerät. Ich kenne sogar Pärchen, bei denen sie mir sagte „sage ihm das bloß nicht, aber ein Vollautomat wäre mir lieber gewesen – jetzt trinke ich halt keinen Kaffee“.

  • Seit ich mich mit Vollautomaten beschäftige, outen sich bei mir auch immer mehr Bohnenliebhaber, die einen Automaten zuhause haben.

Wer seine Kaffeebohnen frisch mahlt, macht schon was richtig! Wir sollten uns auf die wahren Feinde des guten Geschmacks konzentrieren: Kapsel-, Pad- und Instant-Abfall.

Mythos 5: Kaffeevollautomaten machen keinen guten Schaum

Das stimmt nicht. Die Ergebnisse sind zwar unterschiedlich gut, je nach System und Preisklasse. Entweder handelt es sich um Vollautomaten, die eine Schaumlanze haben, dann wird manuell geschäumt. Das funktioniert wie bei einer Espressomaschine. Hier liegt das Ergebnis zu großen Teilen an der Übung des Schäumers.

DeLonghi ESAM 3000 Schaumlanze

Es gibt auch Geräte mit automatischem Cappuccinatore, diese saugen die Mich an und funktionieren auf Knopfdruck. Diese Modelle funktionieren mittlerweile einwandfrei – es ist nicht leicht, manuell besseren Milchschaum zu machen.

Siemens vs. Krups Latte

Mythos 6: Kaffeevollautomaten machen keinen echten Cappuccino / Latte Macchiato

Hier kommt es natürlich sehr auf den Anspruch an. Es gibt viele Menschen, ich würde behaupten die meisten, die die Unterschiede zwischen Cappuccino, Latte Macchiato und Milchkaffee nicht erklären können. Ich kenne mich ein wenig aus und muss diese Frage so beantworten:

Das, was ich unter einem guten Cappuccino verstehe, kann kein Vollautomat herstellen. Das, was ich unter einem guten Latte Macchiato verstehe, können viele Kaffeevollautomaten abliefern.

Milchschaum Krups EA

Mythos 7: Kaffeevollautomaten können keinen guten Filterkaffee machen

Das stimmt leider. Alles, was die Aufschrift „Kaffee“ trägt und aus einem Vollautomaten kommt, ist selbst bei guten Espressobohnen nicht wirklich gut. Ein Espresso ist meistens gut einstellbar – was die Automaten machen, wenn die Kaffeetaste gedrückt wurde, ist eher traurig. Wer einen klassischen Filterkaffee möchte, sollte lieber auf den Handfilter, die French Press oder Chemex zurückgreifen.

Ich bin aber auch generell kein Fan von langen und damit überextrahierten Espressos. Alles, was durch einen Puck läuft, darf bei mir nur 20 – 25 ml haben. Wer auf schwarzen Kaffee aus einem Vollautomaten angewiesen ist, sollte sich einige reguläre Espressos ziehen und die nachher mit heißem Wasser aufgießen. Das ist dann ein Cafè Americano.

Mythos 8: Kaffeevollautomaten haben einen hohen Kaffeeverbrauch

Das stimmt auch. Es geht so schön leicht und schnell – der Knopf wird gedrückt und schon werden ordentlich ein paar Gramm Kaffeebohnen durch die Mühle gejagt. Auch hier variiert der Verbrauch nach Modell, aber generell wird doch überaus schnell geleert.

Soweit meine Antworten zu richtigen und falschen Vorurteilen zu Kaffeevollautomaten. Ich hoffe, das hilft euch, eventuell wollt ihr auch was dazu sagen? Ich freue mich immer über Kommentare und Tipps. Seht ihr etwas ganz anders als ich? Das finde ich besonders interessant!

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