Biokaffee – sinnvoll oder Verbrauchertäuschung?

Veröffentlichungsdat um: 13. Oktober 2016 von 5

Seit 2001 ist das Biosiegel für ökologisch nachhaltig angebaute Produkte bekannt. Anfangs noch als Trend für weltverbessernde Hippies verlacht, ist es längst zum Werbeetikett im Lebensmittelhandel geworden. Kein Supermarkt kommt heute noch ohne eigene Biohausmarke aus.

Guter Bio Kaffee BaristaSeit 2010 gibt es außerdem eine EU-Verordnung. Darin sind die Kriterien für ein solches Zertifikat auf alle Mitgliedsstaaten verbindlich festgehalten. Mit dem steigenden Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Gesundheit in der Gesellschaft, stieg auch das Angebot an Bioprodukten. Aber natürlich bedeutet Bio nicht = gesund!

Auf diesen Zug sind nach und nach mehr Anbieter aufgesprungen. Sogar Discounter. Aldi führt einen Biokaffee im Sortiment, der im Kilo nicht einmal 10 Euro kostet. Halt, Moment mal! Ist „Bio“ nicht eigentlich teurer, als konventionelle Lebensmittel? Immerhin sind die Herstellungskosten doch um ein Vielfaches höher?

Wie schaffen es Aldi, Lidl und Co. dann, No-Name-Biokaffee zu einem Markenkaffee-Standardpreis oder sogar darunter zu verkaufen?

Verwirrung um die Biozertifikate

Biologo ist nicht gleich Biozertifikat. Zunächst einmal kann jeder Hersteller sein eigenes Bio-Sortiment mit einem individuellen Logo vermarkten. Das heißt aber bei weitem noch nicht, dass die offiziellen Richtlinien dabei eingehalten werden. Wie heißt es bei Stiftung Warentest?

„Die Bio-Eigenmarken sind keine Siegel.“

Bio Kaffee kaufenErst, wenn mindestens das staatliche Biosiegel verwendet wird, kann man von einer kontrollierten Herstellung gemäß den Richtlinien ausgehen. Diese Richtlinien sind in der „EG-Öko-Basisverordnung“ festgelegt. Darunter zum Beispiel das Verbot, gentechnisch veränderte Produkte zu verwenden. Und die Verpflichtung, Importwaren regelmäßig auf die Einhaltung der Kriterien zu überprüfen.

Während das deutsche Biosiegel die Verwendung von Genprodukten gänzlich ausschließt, erlaubt das EU-Siegel auch in Bioprodukten einen Bestandteil von 0,9%. Zulässig sind außerdem rund 5% konventionell angebauter Inhaltsstoffe. Dies aber sowohl gemäß deutschen, als auch gemäß europäischen Richtlinien.

Von Biosiegeln und Biosiegeln

Dass bei so durchlässigen Kriterien getrickst und geschummelt werden kann, um den Preis für Bioware zu drücken, dürfte offensichtlich sein. Bei deutschen Bioverbänden wie Demeter oder Bioland liegt die Messlatte oft um einiges höher, als bei den offiziellen Biozertifikaten.

Demeter hat mir zum Beispiel im Telefonat bestätigt, dass alle Vertragspartner, die ihr Logo tragen, jährlich neu kontrolliert werden. Und zwar sowohl auf Erzeugerebene, als auch auf Herstellungsebene. Demeter-Vertragspartner Lebensbaum stellt überdies in Eigenregie sicher, dass ihre Erzeuger die Auflagen einhalten:

Wir sind ständig in Kontakt mit unseren Lieferanten, vor Aufnahme der Zusammenarbeit und kontrollieren danach einmal im Jahr auch vor Ort.

Außerdem hat das Biounternehmen für Tee, Kaffee und Gewürze auch eine hauseigene Rösterei. Dieser Aufwand, um den Biokriterien auch gerecht zu werden, schlägt sich selbstredend im Preis nieder. Und einmal mehr wundere ich mich, wie Discounter überhaupt sogenannten Biokaffee im Niedrigpreissektor anbieten können.

Zu diesen „besseren Bio Erzeugern“ gibt es einen älteren, kritischen Artikel in der Zeit, der lesenswert ist. Dort heißt es: „Die meisten Deutschen verkennen die ökologische Landwirtschaft. Sie folgt längst den Gesetzen der industriellen Produktion

Biokaffee

Um Kaffee bewusst genießen zu können, ist der Griff zum Biokaffee sicher eine Möglichkeit aber nicht nötig. Es gibt hervorragende kleine Direktimport-Röster, die mit Zertifikaten arbeiten oder nicht. Es gibt Kaffees und Espressos, die weit über den Standards von Bio und dem Fair-Trade-Siegel liegen.

Bio Kaffee Handfilter

Wer Kaffee kauft und für seine Gesundheit und die Umwelt (inklusive Menschen) was Gutes tun möchte, sollte mindestens 18€ pro Kilo Kaffee einrechnen. Es gibt natürlich aber auch teure Kaffees, die in allen Belangen schlecht sind: siehe Kaffeesorten.

Darum habe ich hier ein paar Tipps zusammengestellt, wie ihr erkennen könnt, dass der gekaufte Kaffee auch tatsächlich Biokaffee ist. Einhundertprozentige Sicherheit habt ihr natürlich nur, wenn ihr selbst in Äthiopien, Indien oder Brasilien eine kleine Privatplantage betreibt. Aber ein paar Eckpunkte können die Gewissheit erhöhen.

Der wichtigste Tipp: Kauft eure Kaffeebohnen nicht im Supermarkt. 

Bio EspressoEine Kaffeerösterei, die ich empfehlen kann kommt aus Hamburg. Es handelt sich um den Quijote-Kaffee. Hier sind fast alle Partner bio-zertifiziert aber ihr habt durch Direkthandel deutlich höhere Standards als bei „fairem Handel“. Aber was das Wichtigste ist – das Team ist vertrauenswürdig und ihr bekommt eine sehr gute Qualität zu günstigen Preisen.

Solltet ihr noch weitere Röster und Bohnen suchen, hier gibt es viele Tests von mir:

Das Biosiegel

Über die Unterschiede zwischen den Siegeln hab ich ja gerade schon gesprochen. Zwar kann man die Durchlässigkeit des deutschen und des europäischen Zertifikats bemängeln, einen gewisse Sicherheit geben sie schon. Die Kontrollen sind bei Verbandszertifikaten aber sicher engmaschiger.

Beim Hersteller fragen

Ein vielleicht etwas forscher Tipp von mir ist, einfach beim Hersteller nachzuhaken. Ruhig auch unangenehmere Fragen stellen. Wer seinen Kaffee wirklich in Bioqualität anbaut, importiert und vertreibt, wird auch kritische Fragen gern beantworten. Alternativ könnt Ihr vorab auch die Webseiten nach Prüfsiegeln und Biozertifikaten durchforsten.

Beim Fachmann kaufen

Ich weiß nicht, wie oft Ihr das noch von mir hören werdet: Lasst die Finger vom Supermarktkaffee. Kleinere Läden sind sehr viel enger mit den Lieferanten vernetzt und haben einen sehr viel besseren Überblick über die Kaffeeproduktion. Und besseren Geschmack gibt’s von Privatröstereien gleich noch mit dazu.

Den Anbau prüfen

Klar, dass ihr nicht nach Peru fliegen könnt, um den Anbau und die Ernte jeder einzelnen Kaffeebohne zu überprüfen. Aber auch hier können die Vertreiber wieder Auskunft geben. Denn Biokaffee baut man unter bestimmten Bedingungen an und die sollten Importeure mindestens kennen. Das ist dann auch gleich ein Zeichen dafür, dass sie mit ihren Lieferanten in Kontakt sind.

Woran erkennt man Biokaffee?

Vor allem daran, dass er nicht als Kapsel verkauft wird. Scherz beiseite. Es gibt auch Biokapselkaffee. Was ich persönlich von Kapselkaffee halte, dürfte hinlänglich bekannt sein. Aber Biokaffee in Kapseln zu (ver-) kaufen ist doch nun wirklich eine Farce.

Einerseits wollen wir Biokaffee trinken, der umweltschonend angebaut und verarbeitet wurde. Denken andererseits aber nicht daran, dass wir dann einen Müllberg von 5.000 Tonnen Alu- und Plastikkapseln hinterlassen. So viel, dass sogar Mr. Kaffeekapsel himself, John Sylvan, seine Erfindung schon bereut.

Aber mal von den Kapseln abgesehen: Einer der wichtigsten Unterschiede zwischen konventionellem Kaffee und Biokaffee ist die Art des Anbaus. Um diesen Unterschied mal eben ein bisschen zu verdeutlichen, lasse ich an dieser Stelle eine Tabelle für mich sprechen.

Biokaffeeanbau (teilweise Industrie-Kaffee)Standardkaffeeanbau (Industrie-Kaffee)
Überschaubarere PlantagenGroßplantagen
MischkulturMonokultur
Einsatz sogenannter Schattenbäume

Keine Schattenbäume
Keine Kunstdünger & Pestizide
Einsatz von Pestiziden
Ernte von Hand
Maschinelle Ernte
Offizielle Biozertifikate
Keine Zertifikate, u.U. Biologos

Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist der Endpreis. Qualität und schonende Verarbeitung brauchen eben Zeit. Die Herstellung eines guten Kaffees, vor allem eines guten Biokaffees ist aufwändiger, als uns das die Preise von Discounterkaffees weis machen wollen.

Ich gehe bei Dumpingpreisen für Biokaffee eher davon aus, dass da Schlupflöcher in den EU-Richtlinien gefunden werden. Ohne explizit irgendwem etwas unterstellen zu wollen. Investigativ recherchiert habe ich das nicht.

Aber der Spielraum der Kriterien besonders hinsichtlich dem erlaubten konventionellem Anteil legt den Schluss zumindest nahe. Außerdem erlauben die EU-Standards für Bioprodukte noch immer 47 von 300 konventionellen Zusatzstoffen. Zum Vergleich: Bei Demeter sind es gerade mal 13.

Wenn man dann noch Kaffeesorten minderer Qualität zugrunde legt, kann die Rechnung natürlich aufgehen.

Bio Kaffee und / oder Fairtrade

Bio und Fairtrade sind nicht die gleiche Sache, aber doch eng miteinander verknüpft. Denn mit den besseren Anbaubedingungen für Biokaffee gehen oft auch bessere Bedingungen für die Kaffeebauern einher. Oft wären Kaffeebauern ohne fairen Handeln gar nicht in der Lage, Biokaffee anzubauen. Denn der Mehraufwand beim biologischen Kaffeeanbau muss sich ja auch finanziell lohnen.

Deshalb profitieren die Kaffeebauern, die sich oft zu Genossenschaften zusammengeschlossen haben, von festen Abnahmemengen und Preisen. Die Ökobilanz kann man auch bei Biokaffee nicht verhindern. Aber sie wird durch den Wegfall von Zwischenhändlern verringert, wovon nicht nur die Umwelt, sondern auch die Kleinbauern profitieren.

Ist Biokaffee der bessere Kaffee?

Ich bin versucht zu sagen: Moralisch ja, geschmacklich nein. Zumindest bei dem gesamten deutschen Kaffeemarkt. Die heutigen Standards setzt meiner Meinung nach der Direkthandel. Denn es gibt durchaus auch Standardkaffees, die man zum Beispiel von Hand erntet oder schonend röstet. Der Unterschied zwischen Kaffee aus Privatröstereien und Industriekaffee ist da oft gravierender als der zwischen einem Biokaffee und einem Nicht-Bio-Kaffee.

Bio Kaffee kochen, mit Barista Arne

Wer aber gleichzeitig was für das soziale Miteinander tun will, liegt mit Bio- oder Fairtradekaffee sicher erstmal nicht falsch. Gleichzeitig heißt das nicht, dass Nicht-Bio-Kaffee damit automatisch schlechter ist. Aber wenn man sich schon für Biokaffee entscheidet, dann doch bitte auch für den 100%-igen. Oder?

  • Copyright Beitragsbild: iStockPhoto.com/msk.nina
34 Kommentare
  • Chris
    13 Oktober, 2016

    Ich empfehle folgenden Artikel: http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-08/fairetrade-kaffee/komplettansicht
    Diese Sicht fehlt in dem Artikel leider völlig – es ist eben keineswegs so, dass man dann „bewusst genießen“ kann usw… An anderen Stellen ist das Geld für regionale Ware/Fairtrade besser investiert.

  • Arne
    14 Oktober, 2016

    Hallo Chris, zum Thema „Fairtrade-Kaffee“ ist ein weiter Artikel geplant. In diesem wollte ich mich auf „Bio-Kaffee“ konzentrieren. Danke für den Link zum Artikel. Werde ich auf jeden Fall lesen. Danke für den Kommentar. Viele Grüße, Arne

  • Matthias
    1 November, 2016

    Moin,

    meine Abschlussarbeit habe ich vor einige Jahren über FairTrade geschrieben. Das war eine spannende Angelegenheit, denn hier habe ich vor allem auf die Wertschöpfungskette betrachtet. Wie auch immer….
    Direkt gehandelten Kaffee halte ich für am sinnvollsten.

    Beste Grüße,
    Matthias

  • Richard
    14 Mai, 2017

    Bio, Bio und Bio, ich kann es langsam auch nicht mehr hören. Es ist Kein Wunder, dass man heute das Wort Bio-Deutscher, schon als Negativ Wort bezeichnet.
    Würden Sie mehr für Bio Fleisch bezahlen? Ja, so um die zwei Euro wäre es mir die Sache wert, antwortete man einmal in einem ö.r. Sender Beitrag.
    Genau das bekommt man dann beim Discounter oder im Supermarkt, versehen mit einem Bio Siegel.
    Wie viel DEMark kostete eigentlich damals in den 70iger Jahren das Pfund Kaffee? Wie viel verdiente man damals im Verhältnis zu heute, wo alles in einer Überproduktion endet?
    Es mag ja wunderbar sein, dass man Kaffee heute als Massenware für Jedermann verramscht, die wenigsten sich dabei allerdings die Frage stellen, wo der Kaffee eigentlich herkommt, wie er angebaut wird, wie die Kaffee Bauern bei einem Pfund von 4,- Euro in diesen Ländern überhaupt davon (über) leben können.
    Braucht es wirklich Coffee-to-go, nur weil man in unserer Gesellschaft heute einem Leistungsdruck unterstellt ist, der es nicht einmal mehr ermöglicht sich morgens zu Hause einen Kaffee zu gönnen, wo der Rest des Kaffees dann auch noch weg gekippt wird, weil er als -to-go sowieso nur mies schmeckt?
    Kaffee muss kein Luxusgut sein; 500 Gramm für ca. 9,- Euro ist gewiss nicht billig, aber die Relation macht es. Sicherlich wird sich kein Geringverdiener für knappe 10,- Euro fünfhundert Gramm Kaffee leisten können. Wer für 5 Gramm pro Kapsel allerdings hochgerechnet auf ein Pfund Kaffee mindestens 40,- Euro berappen kann, sollte wenigstens einmal für kurze Zeit das Gehirn einschalten was er dafür an Gegenwert erhält bzw. an Qualität nicht erhält.
    Mit dem Kaffee ist es wie mit den Eiern: sie sind irgendwie in all den Jahrzehnten nie richtig teurer geworden.
    Quelle aus dem Jahr 1989: http://www.zeit.de/1989/29/bis-zur-letzten-bohne

  • Dying honeybee
    30 September, 2018

    Danke für die interessanten Infos und vorallem für die Rösterei-Tipps!
    Aldi-/ Billig-Bio bzw. ungenügendes EU-Bio-Zertifikat werden wie hier häufig kritisiert. Das ist schon richtig. Es sollte aber nicht als Argument dienen, lieber konventionelle Produkte zu bevorzugen. Denn, von Ausnahmen abgesehen, ist aus ökologischer Sicht schlechtes Bio immer noch besser als Nicht-Bio!
    Wenn die Qualität nicht ausreichend ist, ist das natürlich etwas anderes. Das hat dann aber nichts mit Bio oder Nicht-Bio zu tun.

Ich freue mich über deinen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.