IFA 2022 Berlin: Kaffeevollautomaten, Messe-Totentanz und eine ernste Frage an Jura

Früher ging „Internationale Funkausstellung“ so: Großer Bahnhof, Hauptstadt im Hightech-Fieber, die Hallen am Funkturm bis unters Dach voll mit Neuheiten und übermotivierten Promotern.

Früher ging „Internationale Funkausstellung“ so: Großer Bahnhof, Hauptstadt im Hightech-Fieber, die Hallen am Funkturm bis unters Dach voll mit Neuheiten und übermotivierten Promotern.

Nach bald drei Jahren Corona, bald einem Jahr Ukraine-Krieg und den ersten Monaten mit Mega-Inflation war die IFA 2022 nur noch ein langatmiger Schatten ihrer selbst: Merklich weniger Besucher, Aussteller, die vor allem mit Abwesenheit glänzten, keine Highlights, nur ein paar Neuigkeiten.

DeLonghi, WMF, Krups, Philips, Saeco oder Melitta waren komplett zu Hause geblieben. In den Vorjahren selbstbewusst angetretene Marken für Einsteiger-Siebträger wie Sage oder Solis schrumpften ihren Auftritt auf ein Mindestmaß zusammen oder ließen es ebenfalls ganz sein.

Hat sich ein Format wie diese Technikmesse einfach überholt? Kam die IFA 2022 einfach zum falschen Zeitpunkt? Liegt’s am Veranstaltungsort oder Berlin an sich? 

Keine Ahnung. Der Streifzug über das Messegelände zeigte nur deutlich, dass alle vergessen haben „how to IFA“. Und vor allem ein Auftritt ließ keinen Zweifel aufkommen, dass ich meine Zeit in Berlin im nächsten September besser nutzen werde.

Jura Kaffeevollautomaten: Kommt mal runter!

Wir alle wissen, dass Jura meinen Kaffeevollautomaten Test in Sachen Funktionen, Innovationen und Kaffeegeschmack anführt. Es ist auch schon Tradition, dass wir uns nach jeder Funkausstellung über das Auftreten der Marke bei der Technikmesse aufregen.

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In diesem Jahr haben sie allerdings den Vogel abgeschossen, ihn gerupft und mit Steinen beschwert in einen See geworfen. Oder so.

Hatten wir uns sonst nicht um einen Termin für einen ausführlichen Rundgang und ein intensives Gespräch bemüht, wollten wir dieses Mal alles richtig machen. Wenn ihr euch mal so richtig wie der letzte Pöbel vorkommen wollt, versucht mal, bei Jura für einen solchen Termin einzuchecken.

Erstens wurde sich bei uns beschwert, dass der Termin, den wir vor Wochen eingeloggt hatten, erst tags zuvor eingestellt wurde. Dann wurde sich bei uns beschwert, dass wir mehr als eine Person seien. Drittens wurde sich bei uns beschwert, dass es Mittagszeit sei. Keine Ahnung, was das mit irgendwas zu tun hat.

Vorbereitung? Null. Wenigstens eine Idee, wer da mit ihnen einen Termin zum Gespräch hat? Nüscht. Ein bisschen Herzlichkeit oder Freude darüber, dass wir aus offensichtlichen Gründen mit ihnen über ihre neuen Maschinen reden wollen? Vergesst es.

Ich weiß, dass ich und mein Team nicht aussehen wie Profis oder Fachbesucher. Wir stehen halt nicht auf Anzüge und Corporate Eiertanz. Muss man uns das dermaßen spüren lassen? Könnte ein Hersteller noch klarer zeigen, dass er keinen Bock auf vermeintlichen Pöbel hat?

Ich kreischte innerlich, als die Marketingtante nach dem frostigsten Gesprächsanfang aller Zeiten irgendwann mit Erstaunen feststellt: „Ihr habt ja wirklich Ahnung.“ No Shit, Sherlock! Eine kurze Google-Suche hätte dir das auch gesagt.

Versteht mich nicht falsch: Ich erwarte keinen roten Teppich. Ich erwarte auch nicht, dass jeder in der Kaffeewelt Coffeeness kennt. Ich erwarte nur ein bisschen verdammten Respekt und vielleicht zwei Sekunden Recherche. Egal, wer sich bei euch anmeldet.

In Sachen Technologie und Maschinen hatte Jura verlässlicher Weise tatsächliche Neuigkeiten im Gepäck. Der Jura J8 für einen UVP von rund 1.700 Euro kann zwei neue Dinge:

  1. Er erkennt automatisch, welche Tasse unter dem Auslauf steht, und passt das Display auf die entsprechenden Kaffeegetränke an. 
  2. Außerdem besitzt er eine anclipbare Kartusche für Sirup, der in kleinen Dosen direkt mit eurem Milchschaum ausgegeben wird.

Diese „Sweet Foam“-Funktion süßt also den Latte Macchiato oder Cappuccino mit einem Geschmack eurer Wahl. Nette Idee, wenn man auf gezuckerten Kaffee steht. Ansonsten? Unnötig.

Als neues Flaggschiff präsentiert sich der Giga 10 mit zwei elektronischen Mahlwerken, sinnlos dreigeteiltem Riesendisplay und einer Cold Brew-Funktion, die damit vom Jura Z10 in die Megamaschinen-Riege aufgestiegen ist.

Giga 10 dreigeteiltes Display

Dreigeteilter Display der Giga 10

Ähnlich wie der von uns bereits getestete Giga 6 kratzt das neue Giga-Monster verdächtig am Gastro-Niveau und eignet sich vor allem für Büros oder kleine Geschäfte. Schon der UVP von rund 3.000 Euro macht das deutlich.

Über Sinn und Unsinn dieser Maschinen urteilen wir, wenn wir sie testen. Und das machen wir auf jeden Fall. Die tollen Geräte können ja nix dafür, dass ihre Marketingbeauftragten irgendwo falsch abgebogen sind und den Zweck einer Elektronik-Messe auf eigenartige Weise interpretieren.

Wir können der PR-Abteilung nur raten, sich an eine ihrer Promoterinnen für den Pöbel-Bereich zu halten. Sie hatte uns erkannt, war locker, auf Augenhöhe und kam ohne jeden Funken Jura-Arroganz aus.

Liebesgrüße aus Nürnberg: Nivona mag Messe

In meinem Duell Nivona gegen Jura haben die Nürnberger nach der IFA 2022 in Sachen Herzlichkeit und How to Messe auf jeden Fall einen Riesenvorsprung herausgeholt.

Auch sie trennen ihren Auftritt gewohnt hart in Fach und Fußvolk, doch überschlagen sie sich erstens in allen Bereichen vor Freundlichkeit und machen sich vor dem Termin schlau, wer da eigentlich vor ihnen steht.

Zugegeben, unsere persönliche Beziehung zum Hersteller besteht nicht erst seit gestern. Aber schon der Empfang zeigte, dass das Unternehmen mit einer Aversion gegen den breiten Elektronikmarkt anders über seine Kunden denkt als Jura. Obwohl sich beide Hersteller in vielen Punkten so ähnlich sind.

In einem langen Gespräch mit Gründer und Geschäftsführer Peter Wildner sowie seinem Mitstreiter Christian Frisch ging es dieses Mal in Berlin weniger um Highlights oder neue Nivona Kaffeevollautomaten.

Gespraech mit Nivona Gruender Peter Wildner

Im Gespräch mit Nivona Gründer Peter Wildner

Dazu gab es eh nicht zu viel zu sagen. Die neue 6er-Reihe bekommt einen besser integrierten Milchaufschäumer, einige Automaten gibt es jetzt auch in Weiß. Das 6er-Modell schauen wir uns demnächst natürlich an.

Vielmehr ging es um die Frage, ob ein Event wie eine Messe überhaupt noch zeitgemäß ist und warum Nivona trotz manchmal weniger Neuigkeiten seit 2008 ununterbrochen nach Berlin zur Funkausstellung kommt.

Es ging um Lieferketten und den Markt in den vergangenen zwei Jahren, um Nachhaltigkeit (wollen wir, aber machen wir noch nicht) und andere wichtige Themen.

Man merkte auf jeden Fall, was Peter Wildner mit seiner IFA-Begründung meinte: 

Digitale Messen kann man in die Tonne treten. Der persönliche Kontakt mit Partnern, Unternehmen und Kunden hat uns wirklich gefehlt. Das merkt man auch den Besuchern an.

Es gehört wirklich nicht viel dazu, die Menschen, die Maschinen und die Marke Nivona zu mögen. Genau das ist der Punkt. 

Ein Unternehmen, das sich auf einem Event wie der IFA 2022 präsentiert, will zukünftige Kunden anziehen und bestehende Kunden mit neuer Technik begeistern. Dafür braucht es nicht unbedingt krasse Highlights, sondern nur ein bisschen Zugewandtheit.

Miele, Siemens & die Underdogs: Zwischen Trends & Tradition

Miele CM 5310 Uebersicht mit Arne

Miele ist & bleibt konservativ

Bei Miele Kaffeevollautomaten gab es absolut nichts Neues zu berichten. In traditioneller Nachbarschaft zu Jura konnte der Ostwestfale jedoch ebenso beweisen, dass eine gehobene Zielgruppenausrichtung nichts mit Snobismus zu tun haben muss.

Am Stand ging es gewohnt wuselig zu, Besucher durften die teuren Maschinen vom aktuellen Miele CM 5310 Silence bis zur superhochwertigen 7er-Reihe eigenständig bedienen und ausprobieren.

Wir fragten die kompetente Standbetreuerin, warum Miele selbst seinen neuesten Kaffeevollautomaten eigentlich immer noch ein so altes Display verpasst. 

Während die Bedienkonzepte anderer Hersteller schließlich immer näher ans Smartphone rücken, herrscht bei Miele zweifarbige und fipsige Eintönigkeit.

Pistolenschnelle Antwort: Miele ist und bleibt konservativ. Das gehört zu unserem Design. Okay. Das muss man nicht mögen, aber es ist erfrischend klar und erfrischend eindeutig.

Siemens EQ.900 mit Doppelmahlwerk

Siemens EQ900

Die neuen Siemens EQ.900 Modelle

Auch wenn Siemens eine ganze Halle unterm Funkturm für sich beanspruchte, gingen sie für uns dieses Mal irgendwie unter. Das hat aber nichts mit Siemens zu tun.

Denn der Leisekönig bringt mit dem Siemens EQ.900 jetzt ein Monster von einem neuen Siemens Kaffeevollautomaten auf den Markt, der alles hat, was sich moderne Kaffeetrinker wünschen: elektronisches Mahlwerk, riesiges Touchdisplay, riesige Funktionsbreite.

Wir sind super gespannt, ob er die Erfolgsgeschichte des Siemens EQ.9 nicht nur fortspinnen, sondern neu schreiben kann. 

Wie leise ist das Mahlwerk? Ist der Milchschaum endlich richtig heiß? Und wie steht es um das Preis-Leistungs-Verhältnis? Ein EQ.900 mit Doppelmahlwerk soll schließlich um die 3.000 Euro kosten. Testen? Auf jeden Fall!

Russel Hobbs mit Cold Brew Überraschung

Russel Hobbs Arne macht ein Bild

Russel Hobbs Arne macht ein Bild

Bei Russel Hobbs steht mit der Attentiv CoffeeBar eine Filterkaffeemaschine ins Haus, die auch Cold Brew kann (seufz) und einen eingebauten Milchaufschäumer in elektrischer Quirlform besitzt.

Klingt ein bisschen nach Spielerei, doch das Ding für einen eventuellen UVP von 160 Euro ist trotzdem eine spannende Idee, die wir auf Wunsch gern für euch testen.

Auch das Thema hybride Espressomaschinen ist noch nicht durch. Hier habe ich Lust, dem Hersteller Gastroback demnächst mal wieder näher auf den Zahn zu fühlen:

Gastroback: Neues aus dem Hybrid-Universe

Die Gastroback Design Espresso Advanced Duo ist eine Hybridmaschine mit Dualboiler, die mit einem UVP von 700 Euro für eine solche Technik ausgesprochen günstig und trotzdem hochwertig wirkt.

Ähnliches gilt für die Design Espresso Barista Pro, die das Siebträger-Mühlen-System mit rund 440 Euro ins gehobene Einsteigersegment holt und dabei sowohl optisch als auch haptisch einiges hermacht.

IFA 2022 in Berlin: Liegt’s an uns?

In einem Zeitungsbericht zur IFA 2022 titelte die FAZ „Die goldenen Jahre der IFA sind vorbei“. Das Online-Pendant zu diesem Artikel wurde mit „Ist die IFA noch zu retten?“ überschrieben. Der Tenor: Auch in anderen Branchen als unserer ist der Ausstellerschwund offensichtlich enorm.

Während der Veranstalter jubelte, dass die Messe in Berlin endlich wieder zum Besuch einlädt, herrschte beim Publikum und den Kunden Katerstimmung. 

Waren wir sonst immer völlig betrunken von Eindrücken und Neuigkeiten vom Messegelände gestolpert, schlurften wir in diesem September mit einem Gefühl von Zeitverschwendung davon. Echte Highlights? Meh. Ein volles Programm? Pfft.

Liegt’s an uns oder den Zeiten? Tatsache ist, dass trotz aller Untergangsstimmung das Geschäft in vielen Bereichen immer noch brummt. In den vergangenen Jahren hat sich jedoch auch herausgeschält, dass es dafür ein Event wie eine Messe nicht braucht.

Online geht die Luzie, im Sommergarten der Messe Berlin herrscht gähnende Leere. Wir haben jedenfalls beschlossen, uns dieses Event im nächsten September zu schenken. Neuigkeiten für den Kaffeevollautomaten Test 2022 und andere Kategorien bekommen wir auch ohne Besuch mit.

Ach ja, sollte jemand Kompetentes von Jura das hier lesen: Lust auf Käffchen und mal richtig reden? Wir warten auf euch! Herz-Emoji.

Wart ihr auf der IFA 2022 in Berlin? Wie waren eure Eindrücke? Gab es Maschinen oder Geräte, die euch aufgefallen sind und von uns ignoriert wurden? Ich freue mich auf eure Kommentare.

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