Kaffee in der Schwangerschaft? Überschätzte Gefahr?

Vor ein paar Wochen habe ich mich mit einer Freundin getroffen, die vor vier, fünf Monaten ihr erstes Kind zur Welt gebracht hat. Auf die Frage, was sie trinken möchte, antwortete sie: Einen Kaffee. Für mich ist das ja kein Problem, aber für eine stillende Mutter? War da nicht was mit Koffein in der Muttermilch?

Ich nahm dieses Treffen deshalb zum Anlass, mich mal darüber zu informieren, wie das eigentlich ist. Ob Schwangere und Stillende Kaffee trinken dürfen. Und was da so dran ist an den Bedenken und Vorurteilen. Im Netz kursieren nämlich so manche Theorien und Gerüchte darüber. Ich will mal versuchen, etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Wie immer, dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bevor ihr Entscheidungen zum Thema Gesundheit trefft, lasst euch gut von einer Ärztin oder Ökotrophologin beraten, am besten von mehreren.

Schwangerschaft und Kaffee

Was sind die gängigen Mythen über Kaffeekonsum in der Schwangerschaft? Ich lese viel davon, dass

  • Koffein das Risiko einer Fehlgeburt erhöht,
  • Kaffee Frühgeburten bedingt und
  • Koffein das Wachstum des Fötus hemmt.

Wir nehmen Koffein über unseren Blutkreislauf auf. Dieser versorgt bei Schwangeren das ungeborene Kind mit. So gelangt das aufgenommene Koffein der Mutter natürlich auch in den Blutkreislauf des Fötus. Da ist es kein großes Wunder, dass solche Aussagen vor allem Erstgebärende und junge Schwangere verunsichern.

Kaffee Schwangerschaft

Allerdings geben alle offiziellen Stellen unisono bekannt, dass durchschnittlicher Kaffeekonsum nicht zu Früh- oder Fehlgeburten führt. Darin sind sich EUFIC (Europäisches Informationszentrum für Lebensmittel), das Bundesinstitut für Risikobewertung, der Berufsverband der Frauenärzte und das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft einig.

Eine norwegische Studie von 2013 kommt zwar zu dem Schluss, dass Koffeinkonsum in der Schwangerschaft die Dauer der Schwangerschaft sowie Größe und Gewicht des Neugeborenen beeinflusst. Aber das BMEL gibt auch hier Entwarnung und weist auf einige Mängel der Studie hin:

Die Verzehrmengen wurden weder direkt erfasst noch mit Hilfe von Blutwerten oder anderen biologischen Markern überprüft. Außerdem variiert die tatsächliche Koffeinmenge in Kaffee, Tee etc. […]. Auch wurde die Koffeinaufnahme nach der 30. Schwangerschaftswoche in der Studie nicht berücksichtigt. In der Studie konnte nicht untersucht werden, ob das Koffein für ein geringeres Geburtsgewicht des Säuglings verantwortlich ist.

Fazit: Wer sich während der Schwangerschaft an die von der Medizin empfohlene Verzehrmenge von etwa 300 mg Koffein am Tag hält, fügt sich und seinem Baby keinen Schaden zu. Bedenkt dabei aber, dass der Koffeingehalt je nach Zubereitung und Kaffeevarietät variieren kann.

Schwangerschaftswunsch und Kaffee

Immer wieder lese ich auch davon, dass Kaffee bzw. Koffein angeblich die weibliche Fruchtbarkeit vermindert. Demzufolge wäre Kaffee schon beim Versuch schwanger zu werden schädlich. Das Problem ist: Es gibt zwar Studien, die das nahe legen, aber auch Studien, die zum exakt gegenteiligen Ergebnis kommen.

In Dänemark fand ein Forscherteam heraus, dass Koffein für eine verzögerte Empfängnis verantwortlich ist. Und zwar unabhängig davon, wie viel Koffein die Frauen täglich zu sich nehmen. Der Tenor lautet: Wenn Frauen Koffein konsumieren, dauert’s mit der Schwangerschaft länger.

Im krassen Gegensatz dazu steht das Ergebnis einer italienischen Studie. Hier wollen die Forscher sogar herausgefunden haben, dass erhöhter Kaffeekonsum zu mehr Sex führt. Das wiederum erhöht naturgemäß die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft. Ergebnis also: Je mehr Kaffee Frauen trinken, desto eher werden sie schwanger. Für mich hört sich das Ergebnis aber eher nach einer Scheinkorrelation an. Wahrscheinlich haben Menschen mit einem höheren Kaffeekonsum mehr soziale Kontakte (Achtung, das ist gerade nur in meinem Kopf entstanden).

Ebenso widersprüchlich sind übrigens die Untersuchungen zur männlichen Fruchtbarkeit – die ja nicht unmaßgeblich an einer Schwangerschaft beteiligt ist. Das Angebot reicht von „Koffein macht die Spermien schneller“ über „Koffein mindert die Spermienqualität“ bis hin zu „Koffein hat keinen Einfluss auf die Zeugungskraft“.

Die Wahrheit, das deutet auch die Gesamtheit der Forschungsergebnisse an, liegt wahrscheinlich irgendwo zwischen den beiden Extremen. Tatsächlich kommt nämlich die Mehrheit aller Studien zu dem Ergebnis, dass Koffein Einfluss auf die Fruchtbarkeit haben kann, aber nicht muss.

Fazit: Einen Einfluss von Kaffee auf die Fruchtbarkeit weisen die meisten Forscher ab einem täglichen Koffeinkonsum von 500 mg aufwärts nach. Bei durchschnittlich drei bis vier Tassen Kaffee am Tag können Schwangerschaftswillige eine Empfängnisbeeinträchtigung guten Gewissens ausschließen.

Stillen und Kaffee

Kommen wir nochmal auf meine stillende Freundin vom Anfang zurück. Dass Mütter stillen ist mit vielen Vorteilen verbunden. Es soll die Mutter-Kind-Bindung verbessern. Und Muttermilch enthält viele Abwehrstoffe, die für die Entwicklung des Babys wichtig sind. Die Nährstoffe in der Muttermilch setzten sich aus dem zusammen, was die Mutter selbst so an Essen und Trinken zu sich nimmt.

Kaffee Koffein Schwangerschaft

Logisch, dass das auch für das Koffein aus dem Kaffee gilt. Allerdings baut ein Neugeborenes Koffein nur extrem langsam ab. Sein Körper ist einfach noch nicht darauf ausgelegt. Durchschnittlich dauert es um die 90 Stunden bis sie das Koffein um die Hälfte reduziert haben.

Um dem Kind so wenig Koffein wie möglich zuzumuten, empfehlen Frauenärzte, entweder sofort nach dem Kaffeetrinken zu stillen. Dann ist das Koffein noch nicht vom Körper absorbiert. Oder, nach dem Kaffee zwei bis drei Stunden zu warten, bis man stillt. Dann ist das Koffein wiederum bereits zu einem großen Teil abgebaut.

Aber auch, wenn Babys und Kleinkinder Koffein sehr viel langsamer abbauen, als Erwachsene, ist das kein Grund zur Panik. In aller Regel schadet das Koffein dem Stillbaby nicht. Da Kaffee aber aufputschend wirkt, kann es sein, dass das Kind unruhig oder nervös wird. Angebliche Folgen wie Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsdefizite fallen aber in die Rubrik „Ammenmärchen.“

Fazit: Auf gesunde, unauffällige Kinder hat es keine nennenswerten Auswirkungen, wenn die stillende Mutter die normale Koffeindosis von 300 bis 500 mg nicht überschreitet. Wichtig ist, dass Mütter ihre Babys beobachten. Ist das Kind von Natur aus eher nervös, kann etwas Kaffeeabstinenz vielleicht nicht schaden. Aber die folgende Angabe des Berufsverbandes der Frauenärzte ist vielleicht ein ganz guter Richtwert:

Der tägliche Genuss von zwei bis drei Tassen Kaffee verursacht bei den meisten Babys keine Probleme.

Die Verwirrung ist perfekt

Einige Studien kommen zu dem Ergebnis, dass zwar Koffein Fruchtbarkeit und Fötus beeinflusst, Kaffee aber nicht. Wie das gehen soll? Na ja, auch Tee, Cola und Energydrinks beinhalten viel Koffein. Wenn eine Studie in den Ergebnissen als von Koffein spricht, haben die Forscher diesen Gesamteinfluss untersucht. Wenn von Kaffee die Rede ist, dann haben sie gezielt die Wirkung davon getestet.

Das ändert zwar an den widersprüchlichen Forschungsangaben nichts. Es ist aber ein wichtiger Faktor, um den Einfluss von Kaffee auf die Schwangerschaft differenziert zu betrachten. Denn besonders in Softdrinks ist das Koffein oft künstlich hergestellt. Das Koffein im Kaffee dagegen ist natürlich und Ihr könnt die Menge durch Röstgrad, Sorte und Zubereitung selbst bestimmen.

Und noch eine gute Nachricht zum Schluss: Klar sind Schwangere und Stillende oft müde und erschöpft. Und klar möchten sie gerade dann nicht auf die tägliche Wachmacherdosis verzichten. Aber Schwangere benötigen durchschnittlich sowieso weniger Kaffeeeinheiten, als Nichtschwangere. Somit kommen schwangere Frauen mit weniger Kaffee länger hin.

Das liegt daran, dass der schwangere Körper länger braucht, um das Koffein abzubauen. Und zwar bis zu fünfmal so lange. Ein gesunder Erwachsener baut eine durchschnittliche Koffeinmenge in plus/minus vier Stunden ab. Bei Schwangeren ist diese Verstoffwechselung verlangsamt. Damit wirkt Koffein bei ihnen bis zu 20 Stunden.

Im besten Fall reicht schwangeren Frauen also die erste Tasse Kaffee am Morgen, um durch den Tag zu kommen. Damit überschreiten Ihr dann auch die von Verbänden und Ministerien Empfehlung von 300 mg Koffein in keinem Fall.

Nicht so schüchtern. Ich freue mich von dir zu hören.

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