Klimawandel & Kaffee aus Brasilien: Zwei Millionen Dollar in einer Nacht

Wenn wir so weitermachen, gibt’s bald Klima ohne Kaffee. Denn während die Nordhalbkugel brennt, wird es auf der Südhalbkugel plötzlich bitterkalt. 

Wenn wir so weitermachen, gibt’s bald Klima ohne Kaffee. Denn während die Nordhalbkugel brennt, wird es auf der Südhalbkugel plötzlich bitterkalt. 

Gebiete wie die brasilianische Super-Kaffee-Region Minas Gerais, aus deren unmittelbarer Umgebung auch unsere Coffeeness-Kaffeebohnen stammen, sehen sich mit immer weniger Niederschlag, Hagel-Attacken und plötzlichem Nachtfrost konfrontiert.

Das Perfide daran: Kaffeepflanzen sind dermaßen auf stabile, sommerliche Temperaturen angewiesen, dass schon eine einzige Nacht mit Frostkälte ausreicht, um sie zu töten. Und die möglicherweise erntereifen Früchte gleich mit.

So entstehen Schäden in schwindelerregender Höhe. Unsere Partner, Luis und Niklas von Ocafi, mussten erst jüngst zwei Millionen Dollar in neue Pflanzen investieren – nur für ein einziges Lot (Anbaufläche) mit einer überschaubaren Anzahl erfrorener Sträucher.

Während unseres Brasilien-Besuchs konnten wir dem Drama Klimawandel sogar in Echtzeit zusehen: Die Temperaturen fielen nachts immer weiter Richtung Nullmarke, die Jungs wurden sichtlich nervös: Nochmal ein paar Millionen verlieren oder die Früchte ihrer harten Arbeit einfahren?

Nun wäre es absolut falsch, Kaffee-Produzenten als Opfer des Klimawandels zu sehen. Schon gar nicht in Brasilien. 

Der großflächige Anbau von Kaffee hat dem Land nicht nur den größten Marktanteil bei Arabica, sondern auch den Ruf als Brandbeschleuniger eingebracht. Warum? Weil unsere Gier nach (billigem) Kaffee aus Brasilien dafür sorgt, dass das Wetter auf der ganzen Welt umschlägt.

Klimakiller Kaffee-Anbau: Warum ist Brasilien Brandbeschleuniger der Katastrophe?

Die Warnung, dass der Regenwald brennt, könnt ihr in Brasilien wörtlich nehmen. Fahrt ihr durchs Land, seht ihr an jeder Ecke Rauchsäulen aus den dicht bewaldeten Hängen aufsteigen. Die Menschen fackeln die Bäume ab, schlagen Holz, fräsen immer neue Flächen aus dem Urwald.

Das ideale Kaffee-Klima bietet eine konstante Jahresdurchschnittstemperatur, eine hohe Sonneneinstrahlung und eine ausreichend große Niederschlagsmenge. Besondere Ansprüche an den Boden, Wind und die Artenvielfalt kommen noch obendrauf. Solche Bedingungen gibt es nur im Kaffeegürtel entlang des Äquators. Noch.

Kaffee ist eines der ressourcenintensivsten Naturprodukte überhaupt. Er braucht viel Wasser, nährstoffreiche Böden, ist anfällig für Schädlinge und Krankheiten. Gleichzeitig wird er zum Beispiel in Brasilien hauptsächlich in Monokulturen angebaut, während die Bevölkerung immer mehr Regenwald für neue Plantagen rodet.

Konsequenterweise keiner. Dafür müsste Kaffee direkt vor unserer Haustür angebaut werden können. Es gibt jedoch immer mehr Kaffeefarmer, die wenigstens versuchen, ihre Anbaumethoden fairer und ökologischer zu gestalten und steigenden Ansprüchen an die Qualität in der Tasse gerecht zu werden.

Viele dieser Flächen gehen für die Landwirtschaft drauf. Und diese wiederum ist gerade im Süden von Kaffee geprägt. 

Kaffeefelder in Brasilien Anbau bis zum Wald

Denn eigentlich ist der Süden der ideale Ort für den Anbau: Endlose Hügelketten mit perfekten Hochlagen, fruchtbar-vulkanische Böden, hohe Jahresdurchschnittstemperaturen, Sonne satt, tropische Niederschläge, die sich auf klare Jahreszeiten begrenzen.

Zudem ist Kaffee aufgrund der weltweit enormen Nachfrage ein Selbstläufer. Die Qualität ist dabei erst einmal egal. Schlechte Bohnen werden von großen Industrieröstern wie z.B. Tchibo gekauft und bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, großartige Bohnen wiederum können als Specialty Coffee hohe Preise erzielen. 

Allein 2022 soll Brasilien mit dem Kaffeeanbau einen Umsatz von 30 Milliarden Euro erzielen. Von diesem riesigen Kuchen will jeder etwas abhaben. Es gibt rund 300.000 brasilianische Kaffeefarmer, viele davon besitzen nur wenig Land (sogenannte Sitùs).

Die Produktion auf den meisten dieser Mini-Farmen ist auf Masse ausgelegt – und auf Monokultur. Mehr Daten dazu findet ihr im Artikel über die Kaffeeernte in Brasilien.

An dieser Stelle ist erst einmal wichtig, was das für die Umwelt bedeutet. Mit jeder neuen Arabica-Ernte laugen die vorhandenen Böden zunehmend aus. 

Weil sich niemand mit dem feinen Zusammenspiel der Flora und Fauna beschäftigt – etwa, warum es so wichtig ist, dass ein Strauch nicht nur Sonne, sondern auch Schatten von umliegenden höheren Bäumen erhält, steigt mit jedem Jahr der Wasserverbrauch.

Pestizide sind zwar kein großes Thema, weil sie zu teuer sind. Doch irgendwie muss sich der Anbau auch dann lohnen, wenn die Ernte immer magerer ausfällt. Also werden neue Flächen gerodet, die Kaffeeplantagen wachsen immer mehr in die Breite.

Der Witz ohne Pointe ist jedoch, dass der brasilianische Regenwald erstens der Grund ist, warum Brasiliens Kaffeehandel so lukrativ ist. Zweitens ist er die buchstäbliche grüne Lunge der Welt und einer der wichtigsten Regulierer für das globale Wetter.

Mit jeder neuen Rodung in Brasilien gibt es weniger mächtige Bäume, die das global ausgestoßene CO2 neutralisieren können. Wenn ihr euch also das nächste Mal fragt, warum in Europa plötzlich überall tödliche Hitze herrscht, findet ihr die Antwort unter anderem in eurer Tasse Espresso.

Klimatische Bedingungen auf den Kopf gestellt

Während wir unter Todeshitze und Trockenheit leiden, muss sich Brasilien mit Todeskälte und Trockenheit beschäftigen. 

Die Jahresdurchschnittstemperatur in „unserer“ Kaffee-Region São Paulo beträgt 19,5 Grad Celsius, das Thermometer fällt selbst im brasilianischen Winter kaum unter 12 Grad Celsius – nicht einmal nachts. 

Im Mai 2022 näherten sich die Temperaturen der Null-Grad-Marke. An mehreren Tagen hintereinander. Und das war nicht das erste Mal innerhalb weniger Monate. 

Diese „plötzlichen“ Temperaturschwankungen sind Gift für den Kaffeeanbau. Arabica-Sorten können damit kaum umgehen, die weniger empfindliche Robusta hält der Verschlechterung des Klimas auch nur bedingt Stand. Kommt der Frost, sterben beiden Sorten.

Über mangelnden Sonnenschein können sich Brasiliens Farmer immer noch nicht beschweren. Doch Regen wird auch hier immer seltener. 

Kaffeefarm in Brasilien Natur

Wenn Feuchtigkeit aus dem Himmel fällt, fällt sie seit einigen Jahren immer öfter als Hagel in Baseballgröße, bombardiert die Kaffeepflanzen und zerstört erntereife Kirschen. 

So sind 2021 laut Schätzungen etwa zehn Prozent der gesamten brasilianischen Kaffee-Ernte den Auswirkungen des Klimawandels zum Opfer gefallen. Die Zahlen für dieses Jahr dürften höher ausfallen.

Denn jede tote Pflanze muss durch eine neue ersetzt werden, die mindestens drei Jahre benötigt, um reife Früchte abzuwerfen. Und dann ist noch nicht einmal gesagt, dass sie reiche Ernte trägt. 

In diesen drei Jahren kann sie jederzeit wieder sterben – durch Wettereinflüsse, Schädlinge, Chemikalien im Boden, die CO2-Spirale, die schwindende Artenvielfalt. 

Auf all diese Tatsachen reagieren die Brasilianer auf zwei Arten: die einen mit mehr Abholzung, die anderen mit einem radikalen Umdenken.

Bleibt noch Zeit für den Rückwärtsgang?

Wir haben uns schon an vielen Stellen damit beschäftigt, warum der Kaffeeanbau weder nachhaltig noch wirklich Bio sein kann. Das wäre nur möglich, wenn Arabica und Robusta direkt vor unserer Haustür wachsen könnten. 

Allerdings gibt es immer mehr leuchtende Beispiele von jungen Kaffeebauern, die daran arbeiten, ihren Rohkaffee zumindest annähernd klimaneutral anzubauen. 

Ihnen geht es nicht darum, ihren Ertrag über die Masse zu steigern. Sie wollen mehr Qualität aus jeder vorhandenen Kaffeepflanze holen, so einen höheren Preis am Weltmarkt erzielen und gleichzeitig etwas dafür tun, dass der Regenwald um sie herum nicht vollständig stirbt.

Anstatt zu ignorieren, wie klimaschädlich Kaffee ist, erkennen sie diese Tatsache aus vollem Herzen an und versuchen, schonende Wege der Aufbereitung und Verarbeitung zu finden. 

Sie nähern sich dem Bio-Ideal immer weiter an und animieren auch andere Länder in Südamerika und darüber hinaus zu einem neuen Denken.

Arne mit Niklas und Luis von Ocafi

Luis und Niklas von Ocafi gehören dieser neuen Generation an. Genau deshalb haben wir uns für sie als Partner entschieden. Bei unserem ersten Besuch vor Ort konnten wir uns persönlich davon überzeugen, welchen Aufwand sie betreiben:

  1. Auf den erstklassigen Hanglagen ihrer fünf großen Farmen (Fazendas) wächst nicht mehr nur Arabica. Die anspruchslosere (und damit klimastabilere) Robusta gewinnt als Sorte immer mehr Bedeutung. Sie ist zwar nicht so edel, wird aber immer noch unterschätzt.
  2. Ocafi setzt auf eine gezielte (und aufwendige) Tröpfchenbewässerung. Dabei wird das Wasser in genauen Dosen direkt zur Baumwurzel transportiert, anstatt im Gießkannenprinzip über die Blätter gekippt. Das senkt die notwendige Wassermenge deutlich.
  3. Der erforderliche Strom für die Produktion stammt aus einer eigenen Biogasanlage. Diese wird mit organischen Abfällen aus einer eigenen Tierzucht und dem Anbau gefüttert. Das senkt die generellen Emissionen.
  4. Ocafi arbeitet daran, den Anteil an Specialty-Grade-Kaffee Jahr für Jahr zu steigern. Aktuell sind es bereits deutlich über 30 Prozent. Wir erinnern uns: Je hochwertiger der Kaffee, desto höhere Preise können sie dafür verlangen.
  5. Neue Schattenbäume und Pflanzen sollen dem Regenwald drumherum wieder Möglichkeiten zur Erholung heben. Dieses biologische Gleichgewicht soll dem gegenseitigen Wachstum helfen und gleichzeitig Krankheiten im Zaum halten.
  6. Ocafi schmeißt alle Zwischenstationen in der Lieferkette zu unserem Röster backyard coffee in Frankfurt am Main komplett über Bord. Damit werden nicht nur Emissionen gesenkt, das Geld bleibt auch bei denen, die wirklich etwas mit der Kaffeeproduktion zu tun haben. 

Dieses neue Denken im Kaffeeanbau kann natürlich nur eine globale Wirkung entfalten, wenn alle Anbaugebiete rund um den Äquator mitziehen, wenn alle kapieren, dass Klima und Vegetation der Tropen nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Existenzgrundlage sind.

Gleichzeitig heißt das für uns als Abnehmer, ob Rösterei oder Endkunde, dass wir uns darüber klar werden müssen, aus welchen Regionen unser Kaffee stammt und dass klimafreundlicher Kaffee im Grunde nicht existiert.

Der Schutz unserer Klimawälder lässt sich jedoch trotzdem arrangieren – indem wir Bio-Maßstäbe anlegen, Robusta-Espresso oder Arabica-Filterkaffee nicht als Grundrecht begreifen und bereit sind, entsprechende Preise an die richtigen Akteure zu zahlen. 

Sonst können wir uns bald nicht nur unseren Morgenkaffee abschminken. Sondern auch unseren Planeten.

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