Kaffee aus Brasilien: Realitätscheck für unsere Kaffeebohnen

Wenn das Stichwort brasilianischer Kaffee fällt, habe auch ich bisher in Klischees gedacht – selbst mit all meinem Wissen über die Tatsachen hinter der Hochland-Romantik. 

Wenn das Stichwort brasilianischer Kaffee fällt, habe auch ich bisher in Klischees gedacht – selbst mit all meinem Wissen über die Tatsachen hinter der Hochland-Romantik. 

Der Kaffeeanbau ist an Intensität, Unsicherheiten und Abhängigkeiten kaum zu übertreffen. Damit ihr euren Kaffee oder Espresso trinken könnt, müssen sehr viele Menschen in einem weit entfernten Land ihren Job erledigen und werden dafür in vielen Fällen noch nicht einmal anständig bezahlt.

Meine Kaffeebohnen für Vollautomaten sollen einen Beitrag dazu leisten, all das zu ändern. Als Bio-Kaffee ohne Bio-Siegel und als Direktimport vom Erzeuger (ohne Zwischenhändler) sind sie Teil einer wahren Revolution, mit der sich Brasilien als größter Kaffeeproduzent der Welt vor dem Untergang retten will.

Was bisher nur graue Theorie war, hat für mich nun Hand, Fuß, Namen und Gesichter. Im Mai 2022 – genau zur Erntezeit – bin ich mit meinem Team nach Brasilien geflogen und habe „unsere“ Kaffeebohnen besucht.

Ich wollte wissen, wie es tatsächlich um Kaffee aus Brasilien steht, ob unsere Partner von Ocafi wirklich so nachhaltig agieren, wie sie behaupten. Ich wollte wissen, wie sich eine Kaffeepflanze anfühlt, wie die Landschaft riecht, die Bohnen klingen.

Arne riecht an Kaffeebohnen

Ich wollte mir das Label Direct Trade für meine Kaffeebohnen wirklich verdienen. Denn nur, wer vor Ort gewesen ist, darf nach meiner Ansicht von Direkthandel sprechen.

Eigentlich sollte daraus eine wundervolle Bilder-Geschichte über Arabica mit allen Sinnen, über den Duft von Haselnuss, Zartbitterschokolade und Süße in meinen Kaffeebohnen werden. 

Stattdessen ist daraus eine Bilder-Geschichte und ein Essay über all die Klischees geworden, die ich zu Kaffee aus Brasilien über Bord werfen musste. Ein Happy End gibt es trotzdem – versprochen.

Brasilianischer Kaffee: Höher, schneller, breiter

Brasilien ist der größte Kaffee-Exporteur der Welt und stellt mit über 30 Prozent den Löwenanteil des globalen Arabica-Angebots. 

Rund 300.000 brasilianische Farmer bewirtschaften etwa zwei Millionen Hektar mit Kaffee, hauptsächlich im Süden und Südosten um die Region Minas Gerais.

Brasilien Bohnenfarm Landschaft

Viele Bohnen stammen aus der Hand von Kleinfarmern. Sie bauen auf sogenannten Sitùs fast ausschließlich Arabica an und verkaufen ihre Ernte unsortiert an große Kooperativen, die ihre Ware wiederum an einen Exporteur weiterreichen.

Über die zentralen Häfen geht es für den Rohkaffee dann zum Beispiel Richtung Deutschland oder in die USA, wo er von Importeuren in Empfang genommen wird, die ihn an Röster weiterverkaufen. 

Bevor ihr diese Bohnen im Café um die Ecke kosten könnt, sind sie bereits durch fünf unternehmerische Hände gegangen, von denen jedoch nicht alle gleichermaßen mit Geld gefüllt werden. 

Wer am wenigstens bekommt, ist klar: der eigentliche Produzent, der ganz am Anfang der Lieferkette in einem armen Land um seine Existenz kämpfen muss.

Etwas anders sieht es auf den großen Fazendas aus. Sie sind Mikrokosmen mit vielen Hektar Land, auf denen ganze Familien teils seit Generationen leben, den Anbau und die Ernte betreuen, die Maschinen bedienen, die Infrastruktur intakt halten.

Erntemaschine zum Ernten von Kaffeekirschen im Einsatz

Sie arbeiten für den oder die Farmbesitzer, erhalten ein Zuhause und ihren Lohn. Wie hoch oder niedrig dieser ausfällt, hängt ganz vom Kaffeefarm-Eigentümer ab.

Große Farmer produzieren genug Masse, um sich den Zwischenschritt über die Kooperative zu sparen. Traditionelle Betriebe verkaufen ihren Kaffee direkt an den Export und können für ihre Gesamtproduktion so bereits etwas bessere Preise erzielen.

Doch auch das grenzt immer noch an Sklaverei und Ausbeutung. Denn der Weltmarktpreis für Rohkaffee ist so niedrig, dass selbst eine riesige Ernte zu den herrschenden Konditionen kaum Geld einbringt. 

Also expandieren die brasilianischen Großgrundbesitzer immer mehr in die Breite, erschließen neue Anbauflächen, roden Regenwald, versuchen jeder Pflanze mit invasiven Methoden mehr Kirschen abzuringen.

Diese Entwicklung stößt derzeit schmerzhaft an ihre Grenzen. Denn Landwirtschaft beschränkt sich in Brasilien nicht nur auf Kaffee, täglich verschwinden endlose Quadratmeter an Regenwald. Die Böden sind ausgelaugt, das Wasser wird knapp, ihr könnt dem Klima beim Wandel zugucken – ohne Übertreibung.

Kaffeefarm vs Natur

Genauso, wie große Kaffeeplantagen den Erfolg Brasiliens als Kaffeeland befeuert und den derzeitigen Niedergang des Ökosystems begründet haben, sind sie auch Keimzelle einer rasanten Gegenbewegung.

Klasse statt Masse: Wenn Specialty Coffee die Rettung ist

Die Fazenda Pinheiro liegt am Rand der hübschen Kleinstadt São José do Rio Pardo, etwa vier Autostunden nordwestlich von São Paulo. Sie ist das Hauptquartier von Ocafi und das Zuhause von zwölf alteingesessenen Familien.

Blick ins Tal zur Kleinstadt

Neben Pinheiro bewirtschaftet Ocafi noch vier weitere eigene Farmen unterschiedlicher Größen und arbeitet mit anderen Farmen aus der Umgebung zusammen. Eine der größten und spektakulär schönsten davon ist die Fazenda Santa Alina in São Sebastião de Grama.

Hier stehen 110.000 Kaffeebäume, einige sind über 100 Jahre alt. Das ist so selten, dass sich die Centennial-Bourbon-Bohnen dieser Uraltsträucher für über 1.000 Euro pro 60-Kilo-Sack verkaufen lassen. 

Dagegen wirken Pinheiro und andere Ocafi-Farmen fast niedlich, auch wenn etwa Pinheiro ebenfalls mehr als 300 Hektar umfasst, von denen 135 nur für Kaffee reserviert sind. 

Auch hier helfen zur Erntezeit Tagelöhner, auch hier werden die Kirschen mit fast jedem Reifegrad und in jeder Qualitätsstufe verkauft. Auch hier riecht es erstmal nach business as usual.

Kaffeefarmer bei der Arbeit auf dem Feld

Doch schon beim zweiten Hinsehen und den ersten Wortwechseln mit Luis und Niklas von Ocafi zeigt sich ein anderes Bild. 

Sie reden von neuen Varietäten und African Beds für Trocknungsexperimenten in der Sonne. Sie sagen Robusta mit ebensolchem Selbstbewusstsein wie Arabica. Sie beschäftigen sich mit Cupping Scores und haben ein eigenes Cupping Labor.

Abladen der Kaffeekirschen

Wo andere brasilianische Farmer-Gemeinschaften vielleicht in neue Maschinen investieren und an der Intensität ihrer Bewirtschaftung arbeiten, ist auf den Ocafi-Plantagen ein neues Verständnis von Qualität eingezogen: 

Specialty Coffee ist hier kein hohles Marketingwort oder nerviges Hipster-Getue. Es könnte vielmehr die Rettung für alle Anbaugebiete Brasiliens sein. Denn brasilianischer Kaffee war bisher eher Masse statt Klasse. 

Aroma, Geschmack & ein bisschen Alchemie

Wenn ihr alles zur Größe der von Ocafi bewirtschafteten Anbauflächen, zur diesjährigen Ernte oder über die derzeitigen Bedingungen auf dem Markt erfahren wollt, müsst ihr nur mit Luis oder Niklas reden. In meinem Video „Wir lüften das Geheimnis hinter unserem Kaffee…“ erfahrt ihr aber auch alles. 

Wenn ihr wirklich verstehen wollt, was Ocafi zur Speerspitze einer neuen Kultur der Kaffeeproduktion in Brasilien macht, solltet ihr mit Fante sprechen.

Fante ist offizieller Q-Grader und inoffizieller Alchemist. Er beurteilt jede Ernte nach den Qualitätsmaßstäben der Specialty Coffee Association (SCA). Er bestimmt, welcher Anteil einer jährlichen Ocafi-Ernte als Specialty Coffee zu höheren Preisen verkauft werden kann.

Dieser Anteil beträgt inzwischen über 30 Prozent. Durch die sorgfältige Pflege bestehender Kaffeepflanzen, durch neue Methoden zur Aufbereitung und Verarbeitung, durch neue Varietäten, die in Brasiliens Anbauregionen bisher keine Rolle gespielt haben, soll sich der Kaffeeanbau gesund schrumpfen und gleichzeitig in die Tiefe gehen.

Wenn man Experten wie Fante zuhört, muss man zwangsläufig glauben, dass dieser Plan aufgeht. „I can make coffee that makes people smile”, sagt er. Und ja, das kann er. 

Er experimentiert zum Beispiel mit Fermentation und Kaffeebohnen, die bisher keiner kaufen wollte. Zum Beispiel, weil sie zu klein oder zu groß sind und sich deshalb nicht anständig rösten lassen. Doch etwa seine fermentierten „Elefantenbohnen“ der Maragogipe-Varietät, die er auf Santa Alina angepflanzt hat, sind eine echte Wucht.

Bei aller Liebe zu Geschmack, Anbau und Spielereien mit der Aufbereitung macht sich jedoch niemand Illusionen darüber, warum dieser Aufwand betrieben wird. „We want to sell better coffee for more“ – Wir wollen Geld verdienen. Aber eben mit besserem Kaffee.

Mit neuer Intensität gegen den Klimawandel

Das klingt banal, ist aber nichts weniger als eine Revolution. Denn bisher war das Qualitätspostulat für brasilianischen Kaffee kaum ein Thema – oder wurde dem Zufall überlassen. 

Die Gründe dafür sind vielfältig und marktgetrieben. Luis bringt es auf den Punkt: „Kaffee verkauft sich von allein. Wenn du ihn produzierst, wirst du ihn auch los.“

Die meisten Farmen verkaufen und arbeiten nach Volumen, für jede Qualität findet sich ein Abnehmer. 

Selbst sogenannter Bodenkaffee – der aufgesammelte Rest, der beim Ernten von den Pflanzen fällt – lässt sich an Industrieabnehmer verkaufen, die ihn zu Tode rösten und als billige, gemahlene Ware in den Supermarkt stellen. Kaffeesorte oder Geschmack? Egal.

Das klingt zwar super, ist es aber nicht. Aufgrund des abenteuerlich niedrigen Weltmarktpreises für Kaffee ist die Massenproduktion der bisher gangbarste Weg gewesen, um die Kaffeewirtschaft am Laufen zu halten.

Eine Farm braucht derzeit etwa 150 bis 200 Hektar Kaffeeland, um profitabel zu sein. Je weniger ein Kaffeeproduzent für sein Produkt erhält, desto stärker expandiert er in die Breite – er ringt dem Urwald immer mehr Land ab, bewirtschaftet die Böden mit immer höherer Intensität und holt sich Tagelöhner, die kaum besser leben als Sklaven.

Anbauboden fuer Kaffee

In den vergangenen 150 Jahren konnte Brasilien diese Spirale problemlos tragen und sich als größter Kaffeeproduzent der Welt positionieren. Die Flächen waren endlos, das Klima ein Selbstläufer, die Wirtschaft ruhte auf dem Rücken einer endlosen Masse an Menschen.

Seit einigen Jahren bekommt Südamerika für diese Spirale jedoch eine saftige Rechnung präsentiert, die die ganze Welt mittragen muss. 

Die Abholzung des Regenwalds – insbesondere für billige Bohnen – sorgt für die derzeitige Gluthitze in Europa und für Frost, Hagel und Trockenheit in Süd- und Lateinamerika.

Die Böden sind ausgelaugt, Wasser wird zur Mangelware, ganze Farmen werden durch Nachtfrost in den Ruin getrieben. Denn eine Kaffeepflanze überlebt keine Minusgrade. Mehr dazu erfahrt ihr im Artikel zum Klimawandel in Brasilien.

Der Klima-Alarm schrillt laut und deutlich – und Initiativen wie Ocafi hören darauf. Statt in die Breite investieren sie in die Tiefe. Bessere Bohnen erzielen höhere Preise. Für bessere Bohnen braucht es fruchtbares Land und ein intaktes Ökosystem. Und eben ein neues Qualitätsverständnis.

Bio-Kaffee ist zur Überlebensnotwendigkeit geworden. Specialty Coffee ist keine Gelddruckmaschine, sondern der einzige Weg, um Brasiliens koffeinhaltiges Rückgrat wieder aufzurichten.

Am schwersten ist die Überzeugungsarbeit

Eine neue Sorte ist schnell gepflanzt, die Produktion lässt sich vergleichsweise einfach umrüsten. Doch am schwersten ist es, alteingesessene Bauern oder gar den Staat davon zu überzeugen, dass das Land am Abgrund steht. 

Präsident Bolsonaro ist nicht gerade als Klimaaktivist bekannt. Im Gegenteil. Ihm ist es scheinbar recht, dass es von Minas Gerais bis Rio de Janeiro, von Norden bis Süden brennt.

Die Kaffeebauern selbst sind nach Aussage vieler Ocafi-Mitstreiter und -Partner bis zum Hals in althergebrachten Strukturen festgefahren. Das Fazenda-System ist daran nicht ganz unschuldig:

Farmfamilien, die seit Generationen am selben Ort wohnen und dieselbe Arbeit verrichten, lassen sich nur schwer von ihren Traditionen abbringen. Egal, was sich der Besitzer an neuen Techniken ausdenkt.

Doch mit jedem neuen Hagelschaden, mit jedem Jahr, in dem die Ernte sinkt, weil die Pflanzen nicht mehr genug abwerfen, wird es deutlicher, dass es für den Kaffeeanbau keinen anderen Weg gibt. Weder in Brasilien noch irgendwo anders.

Espresso ohne Illusionen

Wenn einer eine Reise tut, kommt er meist als unerträglicher Besserwisser zurück. 

Seitdem ich unter der Sonne Brasiliens gestanden, in schwindelerregender Höhe auf endlose Kaffeepflanzenreihen geblickt und das Aroma einer Kaffeekirsche direkt vom Strauch gekostet habe, habe ich einen völlig neuen Blick auf meine Kaffeebohnen im Besonderen und den Kaffeeanbau im Allgemeinen.

Arne mit Kaffeekirschen

Dieser Blick hat nichts mehr mit romantischer Verklärtheit zu tun. Er hat meine Abneigung gegen Industriemist noch weiter verstärkt. Schreibt ein Röster wie Tchibo irgendwelche Klischees auf seine Verpackung, will ich sofort Beweise sehen.

Denn nach einer intensiven Woche mit Ocafi bin ich mir noch sicherer, dass Kaffee für drei Euro das Pfund einfach nicht funktionieren kann. Weder für uns, noch die Menschen, die ihn produzieren, noch für unseren Planeten.

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