Tchibo und Third Wave Kaffee? Blonde Roast im Test

Tchibo Blonde Roast Test

Tchibo Kaffee Test

Wieso der Test? Aufruhr in der Kaffee-Nerd-Ecke!

Schon kurz vor der offiziellen Einladung von Tchibo erfuhr ich vom Blonde Roast. Ich fand das Konzept schon auf dem Papier spannend und eins war klar, diese Kaffeebohnen werden für Diskussionen und eventuell auch für Sprengstoff sorgen.  Die Spezialitäten-Kaffee-Szene ist ja sehr speziell. Es gibt eine Fülle an Wissen und Meinungen und die Definition von Qualität hat immer auch mit der Abgrenzung zur Industrie zu tun.

Seit fast zehn Jahre höre ich immer wieder, die Industrieröster könnten doch auch einfach heller, schonender und besser rösten.

Was also, wenn einer der Großen, in diesem Fall Tchibo, genau das macht? Ich habe viele Reaktionen gelesen. Es gibt zwei Lager: Die einen sagen reflexartig, das können die doch eh nicht. Die anderen sind gespannt. Es gibt von Tchibo durchaus Kaffees, die ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis haben. Voraussetzungen hierfür sind Trommelröstung und die Frische. Darauf solltet ihr beim Kauf auf jeden Fall achten!

Den Blonde Roast gibt es nicht online zu kaufen, aber auf der Tchibo-Seite findet ihr weitere Informationen dazu.

Blonde Roast im Test: Handfilter und Cold Brew

Das Blonde Roast Event

Ich wurde also zum Kaffeeprobieren eingeladen und das in Hamburg in der Speicherstadt bei bestem Wetter. Zu den Gästen zählten Food-, Fitness- und Mode-Influencer. Was deutlich an den permanent gezückten Handys und dem manischen Positionieren von Foto-Instagram-Zielen erkennbar war. Ein ziemlich sympathischer Haufen in dem sich wenige Männer befanden. Die beiden anderen männlichen Gäste waren Vertretung und Begleitung (wenn ich das richtig verstanden habe). 

Ich habe das Buffet weggelassen, damit ich anschließend noch was vom Kaffee schmecken kann. Wir haben vier Kaffees aus dem Tchibo-Sortiment probiert. Den Blonde Roast habe ich schon am Geruch und Verhalten beim Cupping in der Tasse erkannt.

Wer es sich mal richtig geben will, sollte Feine Milde direkt mit dem Blonde Roast vergleichen. Das fand ich schon sehr mutig und Benjamin Widegreen, der Kaffeesommelier von Tchibo, hat einen tollen und vor allem ehrlichen Job gemacht. Er hat ein klares Bild von Möglichkeiten und Limits vom Kaffeerösten bei so großen Unternehmensstrukturen gezeichnet. Ein rundum überzeugender Auftritt ohne die oft üblichen Marketing Worthülsen.

Coffee Drip Station

Dann haben wir noch den auf dem Foto abgebildeten Kupfer-Handfilter-Ständer gebaut. Dazu hatte ich auch schon einige hämische Anmerkungen auf Facebook gelesen, von Menschen die eingeladen waren aber nicht gekommen sind.

Das war wichtig cool und hat mir sehr viel Spaß gemacht! Für alle, die auch basteln wollen: Hier gibt es die Anleitung für die „Coffee Drip Station“.

Wie schmeckt der Blonde von Tchibo

Meinen ersten kleinen Eindruck hatte ich in Altona in einer Tchibo Filiale. Wir waren gerade spazieren und ich habe den Promo-Stand gesehen. Also rein und schon wurde uns ein vergleichendes Coffee-Tasting angeboten. Kaffeewissen lässt sich am besten damit vermitteln, dass Kaffee eben nicht gleich Kaffee ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass das dort sehr gut gelingt.

Ich habe mir noch ein Kilo gekauft, um ausgiebig testen zu können. Der eine Euro pro 100g Einführungspreis ist unrealistisch gut. Ich bin gespannt, was der Kaffee am Ende kosten wird.

Update 04.03.2017: Der Blonde Roast wird nach der Einführung 4,69 Euro für 250 g kosten. Das sind 18,76 Euro pro Kilo.

Erst mal zum Oberflächlichen: So sieht er aus:

Kaffeebohnen

Ein sehr schönes Bohnenbild. Gerade, wenn ich an einige Kandidaten aus meinen Kaffeebohnen Tests denke, würde man hier auf jeden Fall einen hochwertigen Kaffee einer kleinen Rösterei vermuten und kein bundesweit vertriebenes Produkt.

Geschmack bei unterschiedlicher Zubereitung

Aus dem Handfilter und der AeroPress hat mir der Blond Roast besonders gut gefallen. In der French Press hat er mir weniger gut gefallen und in der Espressomaschine und dem Kaffeevollautomaten brauchte ich ihn nicht zu probieren. Auch im sogenannten Espressokocher hat dieser Kaffee nichts zu suchen. Das passt nicht.

  • Säure: Die gibt es und sie macht ein frisches und seidiges Mundgefühl. Gerade im Handfilter oder einer guten Kaffeemaschine bleibt die Säure prickelnd auf den Zungenaußenseiten, auch nachdem der Kaffee eigentlich schon getrunken ist. In der AeroPress wird die Säure deutlich feiner und besser ausdifferenziert.
  • Körper und Mundgefühl: Der Körper ist voll und das Mundgfühl erinnert an einen überextrahierten schwarzen Tee.
  • Süße und Abgang: Der Abgang ist rech flott und klar. Auf der Zungenspitze ist eine zarte Süße zu schmecken – dafür müsst ihr aber eure Zunge spitzen (nur ein Wortspiel).
  • Fazit: Insgesamt wirklich ein guter Kaffee der deutlich mehr als 10€ pro Kilo kosten darf / sollte. Keine mega Fruchtbombe, mit der ihr eure Oma erschrecken könnt aber ein lebendiger und spritziger Kaffee. Mir fällt es bei diesem Kaffee ungewöhnlich schwer geschmackliche Assoziationen zu finden. Er ist komplex aber mir kommt kein Vergleich wie „ganz klar Zitrone“ oder Bergamotte, wie Angeber sagen . Ich glaube, es liegt daran, dass es sich um keinen gebietsreinen Kaffee handelt. Es ist ein Blend aus einer tansanischen und einer kolumbianischen Bohne. Das ist für einen Kaffee dieser Güte zumindest unüblich. Benjamin sagte, Qualitätssicherung und Planung seien Gründe und man wollte den Kaffee gebietsunabhängig Branden. Das ist auch plausibel, denn der Kaffee wurde bundesweit ausgerollt. Das ganze führt zu einem Kaffee, der komplex, interessant und lecker ist – der mir aber nicht ermöglicht mit Food-Assoziationen, um mich zu werfen.

Aus dem Handfilter aufgießen

Kombination mit Food

Kaffee wird in diesem Bereich immer noch chronisch unterschätzt. Es gibt tolle Kombinationen aber auch welche aus dem Horrorkabinett. Diese Kombinationen sind immer mehr als die Summe ihrer Bestandteile und ich finde es nötig, alles zu probieren und zu testen. Es soll auch Menschen geben, die vorab bescheid wissen, aber zu diesen gustatorischen Supergehirnen gehöre ich leider nicht.

Ich habe jetzt einfach mal ordentlich probiert und drei Kombinationen fand ich besonders gut. Also immer mit dem Blonde Roast aus dem Handfilter und Futter im Mund. Datteln und Erdbeeren sind ein süßer Traum. Ein Teil der Säure des Kaffees wird neutralisiert und es schmeckt einfach fruchtig-frisch und lecker. Bei Kaffees mit weniger Säure wäre diese Kombination nicht gut möglich – außer ihr steht auf Komposthaufengeschmack.

Richtig gut ist fetter Käse. Je, fetter der Käse, desto besser ist die Kombination mit dem Blonde Roast. Für alle, die noch nie Kaffee und Käse zusammen probiert haben könnte das zu einer richtigen Epiphanie führen. Geht einfach in einen Käseladen und holt den Käse mit dem höchsten Fettgehalt und dann macht ihr dazu den Blonde Roast im Handfilter. Der Käse wird würziger und das Mundgefühl ist Umami, alles mit einer Vorzugsmilch ähnlichen Frische. Ok, jetzt bin ich doch noch zu meinen Analogien gekommen.

Kalter Kaffee

Wer verfolgt, was ich mache und schreibe kennt mich als großen Freund von Cold Brew und Cold Drip Coffee. Ich habe auch beides mit diesem Kaffee getestet. Der Cold Drip hat mir deutlich besser gefallen. Übrigens gerade mit den Erdbeeren zusammen.

Cold Brew

Cold Drip

In Deutschland wird wirklich sehr viel schlechter Kaffee getrunken. Ich würde gerne mit euch diskutieren, ob der Tchibo Blonde Roast ein wichtiger Schritt zu besserem und gesünderem Kaffee ist oder nur eine Marketingaktion. Habt ihr den Tchibo Blonde Roast probiert oder die „Third-Wave-Diskussion“ verfolgt? Ich würde mich sehr über eure Meinungen freuen.

Tchibo im Test

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